mehr nicht

Sie erzählt mit nassen Wangen. Flüstert. Ohne Pause sagt sie es auf, wie einen Monolog, den sie zu lange schon in sich trägt. Ihre Hände liegen und manchmal bewegen sie sich leicht. Zu schwach für große Gesten.

Er hat mich getroffen und gefangen. Mir das Fell über die Ohren gezogen und trägt es jetzt um die Schultern. Schön hänge ich da. Schmiege mich an ihn, flüstere immer mal etwas nettes ins Ohr und er lächelt. Er kennt das ja. Jetzt bin ich da. Schon so lange, dass er mich gar nicht mehr spürt, bin eben da und das bleibt auch so. Er hat mich. Ende der Abenteuergeschichte. Die Arbeit ist getan. Das Lauern, das Verfolgen, das Anschleichen und Erlegen. Das Zähmen.

Immer ein wenig näher kommen lassen, bis es aus der Hand frisst und schnurrt. Streicheln. Immer zurück bringen und nicht zu nahe kommen. Immer wieder. Gut durchhalten.

Und dann ist es soweit. Jetzt hat er mich. Gezähmt. Das wars. Jetzt gibt mir wie einem guten alten Pferd einen Klaps auf den Hintern, um allein zurückzufinden. Durch die Dunkelheit. Er sieht nicht mal, wie ich zittere vor den Nachthunden, die mir nach den Fersen schnappen, die ihm bisher nie egal waren. Sieht nicht, wie die Traurigkeit mich umschlungen hält und ich die Tränen bin. Ein Tränenwesen geworden. Sieht nicht die feuchten Spuren auf dem Asphalt, die ich hinter mir herziehe. Er dreht sich nicht um und winkt nicht mehr. Schaut nicht auf. Sieht mich nicht mehr.

Aber er braucht ja sich keine Sorgen zu machen, dass ich irgendwann weg bin. Dass er eines Tages aufwacht und ihm ein bisschen kalt ist, weil da irgendwas fehlt. Denn wie soll ich auch weglaufen. Mein verschrumpeltes Herz baumelt ja als Trophäe um seinen Hals. Ich müsste es erst zurückstehlen.

Sie bricht ab. Ich lege meine Hand auf ihre und sie spürt nichts. Sie sitzt nur da und ertrinkt.

15 Antworten zu “mehr nicht”

  1. Phil sagt:

    Respekt!

  2. Anika sagt:

    ui, dankeschön…

  3. Phil sagt:

    ui, gern geschehen :)

  4. Anj sagt:

    Wirklich wirklich wahnsinnig poetisch und wundervoll geschriebenes Lebensstück! Von de ersten bis zur letzten Zeile nachfühlbar, irgendwie bekannt, sehr authentisch. Wunderschöne Bildsprache, absolut passend.

    Also ja: Ich bin echt baff und überwältigt. Und vor allem: mitgerissen und in alte Zeiten zurückversetzt. Ich könnte der Ertrinkenden sagen: “ja, ich hatte auch schonmal den Kopf unter Wasser!” und würde mitfühlen und selbst wieder in den Erinnerungen untergehen.

  5. Sascha sagt:

    Ich schließe mich Anj an! Wunderbar!!!

  6. lordfoltermord sagt:

    Manche Menschen schaffen aus Holz, Stahl oder Stein wundervolle Kunstwerke, andere zaubern aus Lebensmitteln Geschmacksparadiese und wieder andere haben ein unübersehbares Talent, Gedanken, Gefühle und Erfahrenes so wunderbar in Worte zu kleiden, dass man sich darin verlieren kann, ganz leicht.

    Wie Du mit Holz oder Blumenkohl umgehen kannst, weiß ich leider nicht, aber eine Wortfee bist Du. :o)

  7. donmatze sagt:

    Sie muss nicht ertrinken. Sie muss hinabtauchen nach Atlantis - dort findet sie neue Kraft. Liebe kann unter Wasser atmen!

  8. Anika sagt:

    Ach, ihr macht mich echt verlegen. Danke für die lieben Worte.

    Das freut mich wirklich, dass das, womit ich so gern herzblutig meine Zeit verbringe, solches Feedback bekommt. Das ermuntert sehr:-)

  9. Kassiopaia sagt:

    Ich kann mich nur anschließen, das ist ein ganz wunderbarer Text. Erinnert mich an neulich, ja ja…

  10. Anj sagt:

    … und mich an damals…

  11. Kassiopaia sagt:

    Da lässt du uns jetzt ganz schön in Erinnerungen schwelgen, Ani.

  12. Anika sagt:

    hmmm schwelgen?

  13. Kassiopaia sagt:

    Ja, okay, schwelgen ist das falsche Wort, aber du weißt ja, was ich meine.

  14. Anika sagt:

    okay, hätte ja etwas anderes sein können. So von wegen damals waren die Probleme noch leicht oder so.

  15. icke sagt:

    siehe lordfoltermord

    manchmal muss man nicht mal mehr nach eigenen worten suchen: es ist alles gelobt!!!

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