Zwischen den Fragen eines Interviews

Als Volker kommt, muss er die Brille absetzen, weil sie beschlägt.
Das Diktiergerät liegt auf meinem Schoß und vor mir steht eine Kanne „Tulsi-Orange-Ingwer-Tee“, neben mir mein Notizheft mit den Fragen, die mir am abend zuvor durch den Kopf geschossen sind.
Draußen regnet es vor sich hin und im karvana in Friedrichshain ist es entspannt.
Leise Cafémusik beschwingt die Ohren und immer mal lacht jemand, klirrt eine Tasse oder wird es laut, weil einer einen Kaffee bestellt hat. Dann mahlt die Maschine laut und alle nutzen die erzwungene Schweigepause, um ein Stück Kuchen in den Mund zu nehmen, oder sich wie ich etwas Tee über den Pullover zu schütten, weil ich es nicht lassen kann, beim Reden zu gestikulieren –mit der Tasse in der Hand.
Volker Strübing ist einer derjenigen, die ich vor zwei Jahren einmal die Woche gesehen habe. Er war damals festes Mitglied der Chaussee der Enthusiasten – so nennt sich eine AutorInnengruppe, die auch jetzt noch jede Woche einmal vor erheitertem Publikum ihre neusten Texte vorlesen.
Volker ist vor einiger Zeit ausgestiegen und hatte bisher nicht viel Zeit, in ein Loch zu fallen, erzählt er. Vor einigen Monaten hat er mit der für ihn in die Chaussee eingestiegenen Kirsten Fuchs eine siebenwöchige Reise in den Norden unternommen. Zusammen mit einem Filmteam , einer Schiffscrew und einem wankenden Schiff.
Jetzt bei Kaffee und Keks erinnert er sich an rülpsende Walrösser, Kopfstand im Bett und erzählt von seinem Seemanns-Tattoo auf dem Arm, nachdem ich eigentlich nur spaßenshalber gefragt hatte. Es ziert zwar keine sexy Meerjungsfrau seinen Oberarm, aber immerhin eine Kompassrose mit Nautilusstern.
Die zweieinhalb Stunden Interview-Erzählstunde vergehen im Flug und nach zwei Teekannen, zwei Kaffees, und einer Schokotorte schwirrt mein Kopf von isländischer Natur, Arktisschollen, Regieproblemen, Interviewpartnern, die Wale fangen und Fotofluten von einer nicht sinkender Sonne.
Wunderbare Bildern tanzen vor mit auf Volkers Laptop. Kirsten, die ein Nickerchen auf den Tauseilen macht, die Schiffscrew, wie sie in einem Segel badet, Sonnenuntergänge, und natürlich viel Wasser, viel Berge, viel Natur.
Bevor wir uns verabschieden spielen wir noch kurz mit Spiegelreflexkameras und machen Weghaltefotos. Schön wars. Und für eine Zeit war ich mit Volker in Island, habe ich fast den eisigen Arktiswind in der Nase gehabt und das Knarzen und Krachen der abbrechenden Gletscherscholle in den Ohren. Zum Glück reicht meine olfaktorische Fantasie nicht bis zu den Walrossrülpsern. Das Diktiergerät habe ich irgendwann vergessen, wieder anzuschalten.
Aber die Bilder in meinem Kopf sorgen schon dafür, dass ich beim Schreiben nicht wortlos bleiben werde.
.

via
.
—
Volker Strübing ist mit Kirsten Fuchs nicht in den Süden gefahren
Wie das aussah, kann man sich jetzt ansehen.
Nicht der Süden, 3Sat, 19., 20., 26., und 27. März immer 20:15 Uhr









wer sagt was