Archiv | April, 2009

Unter Wäsche

24 Apr

herzhoeschen

Italien, ein buntbehaustes Dorf. Die Farbe blättert von den halbgeschossenen Fensterläden. Ein paar Balkonpflanzen stehen noch in der Pfütze vom letzten Regenschauer und die Sonne blitzt hinter lila Wolken hervor. Hier und da sitzt eine neugierige Katze oder rollt sich fürs Foto in einem Fischerboot zusammen. Es riecht nach Wiese und Meer.

Die Touristen legen den Kopf in den Nacken und zeigen auf rosa Bettwäsche, weiße Unterhemdchen, gepunktete Schlafhosen oder rote Flauschsocken. Der Wind zupft an einem Kopfkissenbezug und eine Jeans tropft auf den Steinboden. „Wenn man hier wohnt, kann man sein Image über diese Wäscheleinen ja total beeinflussen.“ sagt einer, „Einfach immer mal Latexanzüge und -masken zum Trocknen raushängen.“ Die Wolken ziehen weiter und ein Kichern kullert durch die engen Gassen. Und ein paar Minuten wird noch eifriger als sonst Ausschau gehalten nach Geschichten, die Wäscheleinen erzählen.

gischt vor die füße

7 Apr

tulpenmeer
Noch sind nicht alle Blätter geschlüpft, wie bei den Extrovertierten im Park. Mein Fensterbaum ist einer der wenigen, der es langsam angehen lässt. Es lugen mal ein, zwei blättrige Kerlchen aus ihren Knospen hervor und blinzeln in die unbekannte Sonne. Der Rest döst noch.
Ich sitze am offenen Fenster und und höre dem Musikbrei aus Kinderrufen, Elterngurren, Kopfsteinpflaster, Strapenbahnoberleitungen, Kaffeetassen und Vögelzwitschern zu. Aber eigentlich sollte ich. Eigentlich müsste ich. Eigentlich hätte ich schon lange. Annahmeformulare, Institusnummern, Recherchearbeit, Bewerbungsschreiben, Menüplanungen, Artikelschreiben, Kopfzerbrechen. Gedankenbrei.
Stattdessen lehne ich mich an die bekuscheldeckte Schreibtischseitenwand und stelle mir ein letztes Mal vor, wie es sein wird, wenn das Meer wieder an meinen kleinen Zehen lecken darf. Bis sich mein großes Eigentlich wieder anschleicht und mir in die Finger beißt.

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