Archiv | Mai, 2009

das erste mal ist immer gut

27 Mai

immergut_3

Ohropax muss ich kaufen, Mückenspray darf ich nicht vergessen und erst recht nicht Sonnencreme und die Polaroidkamera. Den ganzen Tag laufe ich immer wieder ein paar Minuten mit der Lippe zwischen den Zähnen durch mein Zimmer und murmele vor mich hin. In drei Tagen heißt es für mich das allererste Mal: Festival. Das erste Mal Musik zum Aufwachen, Einschlafen und Mithüpfen.

Gummistiefel? Badesachen.

In meiner ach-so-aufregenden Frühjugend hatte ich Festivals bisher ausgeklammert. In schweißigen betrunkenen Menschenmassen verloren gehen, in der prallen Sonne die Bands nicht sehen und nachts nicht schlafen zu können als der Horrortraum schelchthin.

Einen Campingkocher borgen. Und Geschirr!

Aber man wird ja erwachsen. Und man erinnert sich an die Erfindung der Ohropax und dass es auch klein und schnuckelig geht. Eben ein Kuschelfestival für AnfängerInnen. Bei dem man mal schauen kann, wie man sich so macht als cooles Festivalkid und so tun, als ob man dazugehört.

Kekse, Wäscheklammern, Kuschelkissen.

Bis Freitag wird man mich in Gedanken versunken auf der Straße Leuteanrempeln sehen, in der Kaufhalle allerlei ungesundes Dosenfutter kaufend, Wasserflaschen in der Hand wiegend und bei H&M Sonnenhüte ausprobierend.

Pflaster, Spaghetti und Pesto.

Den Nachbarn vom Haus gegenüber biete ich ab 24 Stunden vorher einen besonders schönen Anblick: Ein Mädchen mit uraltem Campingrucksack, der so gar nicht zu ihr passt vorm Spiegel stehend. Inmitten ein- und wieder ausgepackter Sachen.
Mit nervösen Haarsträhnen hinter den Ohren und zwischen ihnen etwas versteckt ein breites Grinsen.
Wie vor jedem ersten Mal.

das schöne an einem blog

24 Mai

wasch_baer

das schöne an einem eigenen blog ist ja, dass man machen kann, was man will. ohne rechtfertigung. und auch einfach mal den sinn los werden. ein foto posten, ohne hintergrundgeschichte, ohne hintergedanken, ohne schräges gedicht, ohne erbauende zeilen, ohne texte über naturschutz und tierparkbedingungen ohne erklärende lachgeschichte oder schlauen kommentar.
einfach, weil es niedlich ist. und weil man in die welt schreien will: so einen will ich auch. genau so einen. und ihn dann den ganzen tag herumtragen und leckerli in die hand geben und über den kopf streichen und nase an nase kuscheln.

Als ob er endlich geweint hätte

11 Mai

stuehle_am_meer

Als er an sich hinunter blickte, war er erstaunt, keine Löcher zu finden. Die letzten Wochen fühlte sie sich, als ob sich ihr jeder Punkt seiner Liste langsam in die Haut brannte und dort anfing, sich mit den fauligen Erinnerungsflecken zu vermischen. Jeden Tag wurde es ein hässlicher Fleck mehr und die bestehenden wurden dunkler. Irgendwann fühlte er sich so erdrückt, dass er es kaum noch mehr vor die Haustür schaffte. Im Kopf schwirrten all die Unerledigkeiten umeinanderkreisend herum wie wütende Hornissen und verknäuelten sich immer fester mit der Verlustangst. Er bekam Kopfschmerzen auf der linken Seite. Dumpf und pochend und sie versuchte, den Aufgabenkloß hinunterzuschlucken, doch er blieb ihr im Hals stecken.

Bei ihrem letzten Versuch, den Kopf frei zu kriegen mit einem Spaziergang war sie nicht weiter als bis zur Haustür gekommen und hatte sich auf den Vorsprung gesetzt. Den Kopf an die Hauswand gelehnt bildete er ein überraschendes Hindernis für alle, die rein oder raus wollten. Fast alle stolperten erschreckt.

Nur seine Nachbarin, die ältere Frau mit dem gutmütigen Gang schien einfach zu langsam für einen erschreckten Hüpfer. So sagte sie nur Na na mein Mädchen, und machte eine Handbewegung, als ob sie ihm über den Kopf streicheln wollte. Dann aber stieg sie wankend die Treppe hinab, den linken Arm ausgestreckt, um im Falle an der Hauswand Halt zu finden. Er sah ihr nach, wie sie ihren Einkaufsbeutel an sich gepresst um die Ecke bog. Vor wenigen Wochen noch war ihren schlurfenden Schritten ein kleiner Pudel gefolgt, immer ein bisschen langsamer.

Er seufzte und ließ den Kopf in die Hände sinken und vertiefte sich in die Gerüche der Straße. Auch, als sich der Himmel zuzog, blieb er sitzen und saß einfach da, als es anfing, zu regnen. Es gefiel ihr sogar ein bisschen, nasse Wangen zu bekommen, als ob sie endlich geweint hätte. Aber da waren keine Tränen, nie – versiegt nach ihrem fünften Geburtstag. Nasse Füße, als wäre sie beherzt in eine Pfütze gesprungen. Nasse Hände, wie wenn sie ganz in die Badewanne eintauchte. Der Regen ging ihr an die Nieren, ans Herz und erreichte schließlich seinen Kopf. Wie betäubt beobachtete er die tropfenden Strähnen vor seinen Augen und die Muster auf ihrer Hose.

Als der Regen aufhörte stand das Mädchen, das den ganzen Tag fast reglos auf der Steinstufe gesessen hatte auf und lief los. Schießlich bog sie um die Ecke und das Mädchen am Fenster konnte sie nicht mehr sehen. Sie fragte sich, wohin er gehen und sich wieder setzen würde. Woran sie ihren Kopf wieder lehnen und die Füße aufstellen würde. Leise schloss sie ihr Fenster und steckte ihren Schlüssel ein. Dann hörte ihre Nachbarin, wie die Tür zugezogen würde und jemand die Treppe hinab stieg. Hinaus.

den anfang macht das ende

7 Mai

buch_zeichen

wenn die zeit des schmerzvollen andiedeckestarrens vorbei ist, gibt es eine kleine phase beim kranksein, die genießbar ist.
das ist die, in der man den lavendel aus dem elterngarten durchs fenster riechen kann. die, in der man langsam wieder hoffnung schöpft, doch nicht so jung sterben zu müssen. in der man sich langsam mit zwei kissen und einem zusätzlich starken arm aufsetzt im bett, und am teegetränkten zwieback nuckelt. die, in der man langsam anfangen kann, in die bücher zu kriechen, die man mitgenommen hat im delierium.

von seelenheilenden pferdebüchern, die mir früher vorgelesen wurden über sarah kuttners schreibergüsse bis hin zu literarischen kleinoden über das ende vom alphabet habe ich so einiges geschafft, zwischen mittagsschlaf und aufwachen und kartoffelbreiessen und einschlafen. und sie werden alle dort landen. den anfang mach das ende .

und jetzt werde ich mich ganz langsam an mein fenster stellen und gucken, wie sich der baum davor gemacht hat, während ich weg war. ich fürchte, er ist schon wieder ein stück gewachsen und ich habe es verpasst.

die welt ist noch ein bisschen zu gefräßig

5 Mai

grasblumen

so fühlt sich das also an, wenn man von den toten wieder aufersteht.

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