Draußen

30 Aug

schattenspiel

Wenn ich den Kopf hängen lasse, kann ich noch den Geruch in den Haaren wiederfinden.
Nach wie-damals riecht es, obwohl es mein erstes Mal war.
Ich streiche immer wieder über die Deckel. Nicht ohne ein wenig Stolz in den Fingerspitzen. Ein bisschen mehr sogar.

Im Roman müsste ich mich jetzt aufs Bett fallen lassen, die Augen schließen und schon kämen die Bilder der vergangenen Tage zu mir. Wie als wenn es gestern gewesen wäre. Aber es ist heute gewesen und das mit den Bildern funktioniert auch mit geöffeten Augen prima. Auch beim Eisessen und Zähneputzen. Im Film wären jetzt Amateurvideoimitierte Szenen zu sehen. Überbelichtet und mit wackelnder Kamera und mit Lachen im Hintergrund. Die Bäume würde man sehen, einen Feldweg und die tiefhängenden Zweige. Drei Menschen, die mehr und weniger hüpften, um ran zu kommen an die Früchte. Ein ungelenker Schwenk in den Himmel, und die Kameralinse würde ein paar hübsche Regentropfen einfangen. Gegen die Sonne.
Schnitt.
Nun eine Portraitaufnahme eines Mädchens mit Zopf, das lachend sich durch die Zweige kämpft, ab und zu aufschreit, aber dann durch das Blätterdach weiter oben zu sehen ist. Triumphierend und die Hände den hoch hängenden Ästen entgegengestreckt. Schnitt.
Volle Körbe getragen von rotwangigen Menschen. Wieder ein überbelichteter Kameraschwenk und die Musik im Hintergrund wird lauter. Schnitt auf saftnasse Hände mit Obstmessern und entkernten Kernen. Auf die vollen Backbleche, auf eine warm erleuchtete Küche, in deren Ofen etwas geschoben wird. Vielleicht wird noch ein flauschiges Katzenbaby im mit Kissen ausgelegtem Korb neben dem Ofen gezeigt, um sich Sympathien beim jüngeren Publikum zu sichern.
Ich schaue mir die Polaroids an, denn anders als im Film behalte ich meine Erinnerungen nicht nur im Kopf. Streiche die umgeknickten Enden glatt und werfe einen Blick auf meine zwei Gläser.
Ein Huckepackbild schwebt durch meinen Kopf. Ein schwankendes Monster mit zwei Köpfen.
Ein, drei, sechs Früchte, die es nicht an dem Mund vorbei in die Schüssel geschafft haben.

Die Stadt draußen vor meinen Fenstern wartet noch ein bisschen, bis ich wieder angekommen bin. Obwohl es ihn einen feuchten Kehricht interessiert, würde im Roman der Mond jetzt durch das ungeputzte Küchenfenster blinzeln und mit seinem blassen Licht zweimal den selben Schriftzug erhellen.
Pflaumenmus 08/09.

Schnitt.

5 Antworten zu “Draußen”

  1. dietauschlade Montag, 31. August , 2009 um 15:54 #

    wunderbar beschrieben!

  2. Armin Donnerstag, 3. September , 2009 um 14:52 #

    Ich rieche bei deiner Geschichte gleich den Duft vom frischen Pflaumenmus. Da bekommt man sofort Appetit. Werde zum Kaffee ein dick bestrichenes Brötchen verspeisen.

  3. Armin Donnerstag, 3. September , 2009 um 14:53 #

    .. sehr schön geschrieben

  4. Anika Freitag, 4. September , 2009 um 22:19 #

    danke :)

    da bekomme ich gleicht selbst appetit..mhm

  5. paula Montag, 7. September , 2009 um 17:39 #

    o es riecht gut. o es riecht fein…zum geruch gesellt sich sofort die melodie – dabei ist noch gar nicht weihnachten

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