Vom Backen mit Jungs oder Karottenkuchen zu zweit
Prolog
„Phu…Badminton spielen?….Wir könnten doch auch heute abend einen Karottenkuchen backen. Du hast doch noch Möhren übrig, oder? Was hältst Du davon?“
-„Ja, hab’ ich…Au ja, lass uns das machen.“
„Cool“
-„Cool“
Kapitel Einzig
Mit ‘nem Jungen backen. Mal schauen, wie das so klappt. Ob sich irgendwelche Abgründe oder ungeahnte Fähigkeiten auftun? Vorurteile bestätigen? Urteile gesprochen werden? Meinen Bruder habe ich immer recht gut motivieren können, mir alle paar Jahrzehnte mal zu helfen, aber abgesehen davon ist das für mich das erste Mal mit einem Jungen.
Als Alex mit den Karotten im Gepäck an der Tür klingelt (soll ich erzählen, dass die Karotten erst beim zweiten Anlauf dabei waren? Ach nee, dann unterstellt man mir womöglich gemeine Absichten) kann unser abendlicher Backspaß also losgehen. Ab in die Küche.
Wir fangen mit einem kleinen Motivations- und Abenteuersuchspiel an. Ich lese vor, was wir alles brauchen und Alex muss das Genannte so schnell wie möglich finden.
In nur knapp 10 Minuten hat er alle Zutaten zusammengesammelt. Ging insgesamt flott. Nur das Backpulver hat etwas gedauert. Als er beim Tee suchen will, gebe ich ihm grinsend den Hinweis, dass auch bei Anj und mir alles in „Themen“ organisiert sei. Schließlich hat er das Tütchen dann hinter dem Vanillinzucker gefunden. Ist ja auch klein. Insgesamt hat er sich toll geschlagen und dafür gibt’s auch ein aufmunterndes Lächeln und einen Daumen hoch.
Dann geht’s ans Zutaten-Zubereiten. Alex macht sich daran, die Karotten zu schälen, um sie danach mit der Reibe zu raspeln. Ich hole währenddessen den Messbecher aus dem Schrank und murmle „350 durch zwei“ vor mich hin, um die benötigten Gramm auszurechnen. Blitzschnell kommt die Antwort von hinten, bevor ich richtig darüber nachdenken kann:“175“.
Cool, ein lebendiger Taschenrechner! Aber die Hälfte von vier Eiern ist dann selbst mir zu leicht, um es von meinem Mathegenie ausrechnen zu lassen. Als ich das Mehl und den Zucker in die Schüssel siebe, werfe ich kurz einen Blick über die Schulter und sehe, wie Alex sich total konzentriert über das Brett mit den Möhren gebeugt hat und langsam und super-sorgfältig die Möhren Streifen für Streifen schält. Ist ja schließlich auch die wichtigste Zutat:-)
Ich drehe mich wieder zurück und muss daran denken, wie stolz der kleiner Bruder einer Freundin mal war, uns beim Salatschnippeln geholfen zu haben. Die Gurken waren millimetergenau gleich geschnitten. Und keiner, der am Abend beim Salatessen nicht von einem kleinen Jungen mit stolzgeschwellter Brust gefragt wurde, wie denn der Salat mit den Gurken drin geschmeckt hätte.
Zurück zum heutigen Backgeschehen.
„So, ach ja, die Butter muss ich ja vorher warm machen.“ rufe ich mir selbst wieder in Erinnerung, weil ich nur die Zutatenliste vor mir liegen habe und zu faul bin, das Rezept rauszusuchen.
„Wieso das denn?“ kommt es da aufmüpfig verwundert vom Küchentisch.
-„Wie, wieso?“
„Na, ist doch egal, ob man die so hinzugibt, oder vorher schmilzt.“
„Nee“ schüttle ich den Kopf und mache mich innerlich auf hieb- und stichfeste Argumente für die Berechtigung der geschmolzenen Butter bereit.
„Das verteilt sich besser“
Damit jedoch gibt sich mein zweifelnder Kobäcker nicht zufrieden. So aufmüpfig war mein Bruder aber nicht.
„Wieso, das schafft man auch so. Meine Mama hat das auch nie so gemacht.“
Ohje, das Totschlagargument.
Hallo? Hilft mir mal einer?!
Nachdem ich kopfschüttelnd erkläre, dass es bei einem trockenen Teig durchaus sinnvoll ist, geschmolzene Butter zu verwenden und überhaupt, dass es eben sone und solche Rezepte gebe, gebe ich auf.
Alex scheint nur mäßig überzeugt, wendet sich aber dann wieder seiner Reibe zu, die er-meinen Hilfsvorschlag ignorierend, sie doch gleich in die Schüssel zu stellen, und die Möhren sofort dorthinein zu reiben-auf sein Brett stellt und fängt an, zu raspeln. Dabei lässt er sogar Blut. Er hat sich den Daumen aufgerieben. Aber er kennt keinen Schmerz und macht weiter.
Ich zerlasse inzwischen die Butter ganz unmamalike und vermische das Backpulver, den Zucker und das Mehl nebenbei. Ja, ich gebe den Zucker gleich hinzu und nicht nach der Butter, wie -ja, klar- es Alex’ Mutter immer gemacht hat. Ich finde das so effizenter. Und außerdem habe ich das bei einem Praktikum als Konditorin gelernt. So.
„Na, magst Du die Butter hinzugeben, während ich umrühre?“ Versöhnungsversuch mit Alex und der geschmolzenen Butter. Er scheint der Butter -obwohl im flüssigen Zustand -nichts nachzutragen und kippt sie in den Teig.
Seine geraspelten Möhren sind schon drin – außer die 17 (!) kleinen Raspelstückelchen, die -wie ich vorausgesagt hatte- am Brett kleben geblieben sind und sich selbst Alex’ konzentrierter in-die-Schüssel-schab-Arbeit entzogen haben.
„Willst Du umrühren?“ frage ich Alex. Immer schön Aufgaben verteilen, es soll sich ja keiner nutzlos fühlen. „Okay“ kommt das grüne Licht von ihm und ich gebe den Löffel ab.
Inzwischen fülle ich das Eiweiß um und hole das Handrührgerät heraus. Als ich mit dem Steifschlagen fertig bin und Alex den wie-sehe-ich-dass-das-Eiweiß-steif-ist-Trick gezeigt habe, biete ich ihm das Rührgerät an. „Magst Du den Teig damit noch ein bisschen verrühren? Dann verteilt sich das alles richtig gut.“
Ich hätte es mir denken können:
„Bei meiner Mama gab’s so was nicht. Das ging auch ohne Elektro.“
Aber er macht es trotzdem. „Turbo?“
-„Nee, fang mal lieber mit Stufe eins an.“
Klick. Alex schaltet Stufe Eins ein und das Gerät an. Als es anfängt, sich zu bewegen, entfährt ihm ein kleines „Uhoah“, was mir wiederum ein Lachen entlockt. Ich finde es langsam richtig lustig, mit einem Jungen zu backen. Ich kann mein begrenztes Backwissen weitergeben, Erstaunen erzeugen und über Butter diskutieren-was will ich mehr?
Als ich das Eiweiß untehebe, fällt auch Alex ein, dass ich ja schon einige Konditorerfahrungen gesammelt habe. „Ach, Du kannst das ja sogar richtig. Teig machen. Du darfst ja sozusagen Kuchen backen“ grinst er. „Genau! Nur, wenn man Praktika bei Konditoren gemacht hat, darf man das.“gehe ich gespielt ernst darauf ein.
„Ich habe sozusagen die Lizenz zum Backen.“ und fülle dabei den Teig in die Form. Alex saust währenddessen zu seinem Notizzettel, von dem wir beide einen haben-um die Pointen unseres Backvergnügens nicht zu vergessen und später zu diesen Geschichten zusammenschreiben können. Ohje, das mit der Lizenz hätte ich nicht sagen dürfen. Das wird mir in seinem Text garantiert um die Ohren geschrieben. Und wer weiß, was dann die Leute von mir denken, was ich von mir denke.
Dann kommt der Kuchen in den Backofen und ich schiebe ihn von der letzten auf die untere mittlere Schiene: „Wir werden ihn mal nicht gleich ganz unten backen, das macht man erst später, wenn der Boden nicht gut knusprig geworden ist“
Damit kann ich Alex beeindrucken. Ganz ungewollt.
„Ui, das sind ja richtige Backtricks“
Ich lache. Naja. Ich habe eben richtige Klischeetanten, die am Liebsten vom Backen erzählen. Da kann man anscheinend lernen, was sogar Jungs beeindruckt. Hätte ich das mal früher gewusst. Dann hätte ich bei Dates öfter mal vom Eiweißsteiftrick oder der unteren Backschiene erzählt…
Als wir nach einer halben Stunde nachschauen, wie sich unser Baby macht, riecht es schon ziemlich gut. Ist auch schon gut. Ich koste. „Hm, ein wenig Zucker fehlt“ Mist. Aber Alex lässt sich nichts anmerken und kaut zufrieden.
„Aber ach, ein bisschen Honig drauf und das schmeckt.“ schlage ich vor.
Und er nickt mit vollem Mund. Phu.
Aber seiner Mutter wäre das sicher nicht passiert…
Epilog
„Alex und ich haben gestern zusammen einen Karottenkuchen gebacken“ erzähle ich am nächsten Tag einem Freund beim Mittagessen.
„Ja, und ich habe mich sogar verletzt.“fügt Alex hinzu und nach einem prüfenden Blick auf den Daumen grinst er: „Sieht man sogar“ und streckt seinem Freund den kriegsverletzten Daumen hin.
Ich beuge mich auch drüber. Und tatsächlich: Eine kleine Wunde ist zu sehen.
Wenn es jetzt noch eine Narbe wird, ist das eine Geschichte für Enkelkinder.
Wird ja doch noch alles gut.
Und ich…
habe Puderzucker über den Kuchen gestreut.



Montag, 23. Juli , 2007 um 20:42 |
[...] Lesen > [...]
Montag, 23. Juli , 2007 um 22:40 |
Kesse Idee, Ani, mit dem Vorlesen. Der Anfang gefällt mir gut, also mit dem Lied. :)
Aber mir war das jetzt zu langsam und der Text zu lang, deswegen habe ich dich eiskalt ausgeknipst und schnell selber gelesen. Ich bin sozusagen der Igel und du der Hase beim Lesen. ;)
Ach so, und Männer/Jungs/Burschen, die kochen und/oder backen können, sind eh die größten! ^^
Montag, 23. Juli , 2007 um 22:43 |
Die Idee ist wirklich Weltklasse, allerdings solltet ihr lieber hoffen, dass ich nicht auch damit anfange, hab jetzt nicht soooooo die Vorlesestimme..
Vielleicht wirklich einen tickl zu lang, aber grundsätzlich wirklich klasse *daumen hoch*
Dienstag, 24. Juli , 2007 um 2:03 |
Kassio, Kassio: also das hätte ich nicht von Dir gedacht *schnieef* dass Du mich eiskalt abservierst….also nee, alle anderen….aber nicht Du…;-)
Du hättest mich einfach lautlos im Hintergrund lesen lassen können, vor mir fertig sein und dann die Zeit stoppen, die ich langsamer war, als Du^^
John: mach doch. bitte. Auch ohne Vorlesestimme!:-) Danke fürs Lob
Dienstag, 24. Juli , 2007 um 8:34 |
mjam, nochmal, nochmal! hunger! ich tu dann auch wieder so, als wenn ich durch eisteifschlagen total zu beeindrucken waere ;) oder mal was schwereres, schwarzwaelder kirschtorte, und die dann ausm fenster werfen oder den nachbarn schenken oder sowas…
Samstag, 28. Juli , 2007 um 12:45 |
Backen kann ja richtig spannend sein! Du hast es so super erzählt, dass ich es mir gern angehört hab und gar nicht erst auf die Idee kam, selbst zu lesen.
Jetzt gehe ich erstmal in die Küche und esse ein Stück Kuchen. Zum Glück hab ich auch welchen da.
Mittwoch, 1. August , 2007 um 23:26 |
Hach, doro, danke, das freut mich richtig!:-)
Und ich hoffe, der Kuchen hat geschmeckt!^^