Spuckefäden und hüpfende Zweijährige

Neulich jemand zu mir: „Ich bin langsam zu alt, um von etwas Fan zu sein. Es reicht, wenn ich ab und zu mal auf ein Konzerte gehe und dann da bin und mir die Musik anhöre und sie ganz okay finde. Ich muss nicht mehr Fan von einer Band und cool sein. “

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Das habe ich erstmal so hingenommen und einfach weiter an meinem Tee genuckelt.
Aber dieser Gesprächsfetzen turnte mir einige Stunden danach noch im Kopf herum.
Ist es nicht traurig, denke ich mir, für nichts mehr zu brennen? Das hat doch mit Coolness nicht allzuviel zu tun, sondern gerade mit dem Gegenteil. Ich meine ja auch nicht, dass man sich unbedingt von jedem Bandmitglied ein riesiges Portrait übers Bett und Klo hängen und Unterschriften auf dem BH sammeln sollte. (Aber selbst das- warum denn nicht?)
Ich rede davon, in Flammen aufzugehen, wenn die neue CD endlich im CD-Spieler liegt. Die auf die man so ewig lange und gewartet hat. Und die man nun vollste Lautstärke hört und erschöpft von all dem Sich-sehnen auf dem ungemachten Bett liegt.

Ich rede davon, mit Herzklopfen auf die Konzerte der allerliebsten Lieblingsband zu gehen, nicht zu merken, wie einem ein bisschen Spucke aus dem Mund läuft, weil man den Sänger so verzückt anstarrt. Zwei Stunden Trance zu erleben und rosarote Wangen und ausgeleierte Stimmbänder zu bekommen. Ist es nicht genau das, was alles so unvergesslich macht?
Wie traurig finde ich dann doch die Menschen wie M., die bei einem Konzert einer Band am Rand stehen und sich zu alt finden, um Fan zu sein, die am Rand stehen und die Musik „ganz okay finden“. Mit einem Getränkebecher in der einen Hand und die andere fest in der Hosentasche vergraben, und altersgemäß wohlwollend zum Takt der Musik mit dem Kopf nicken. Die Musik kommt nicht weiter als bis zu ihren Ohren.
Die Leute, die danebenstehen und doch nicht dabei waren.
Sie tun mir leid. Ich will niemals zu alt sein, um wie eine Zweijähriges durch die Gegend zu hüpfen mit dem Glanz der Unbegreiflichkeit der Wunderbarkeit der Welt in den Augen. Ich will niemals zu alt sein, um nach einem Konzert das Wort „Zugabe“ so oft gebrüllt zu haben, dass ich es selbst bei Gedächtnisverlust nicht vergessen würde und schwitzig zu sein vom In-die-Luft-springen und Zappeln und Endorphine verschwenderisch in die Gegend sprühen.
Niemals so alt, sich zu alt zu fühlen.

.
Ach, übrigens, der arme jemand ist Mitte Zwanzig.

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14 Gedanken zu “Spuckefäden und hüpfende Zweijährige

  1. Bis auf die Spucke- ja, ich bin Fan! :D Ich himmel gerne Sänger/Keyborder an und freue mir ein Loch in den Bauch, wenn es wieder ein neues Lied im Radio gibt und ein Album auch schon auf dem Weg ist. Ohne tolle Musik und Konzerte ist das Leben doch kein Leben.

  2. Da muss ich dir zustimmen. Jedesmal wenn ich auf ein Konzert gehe und davor die CD bis zum Erbrechen gehört habe weil ichs nicht ausgehalten habe bis zum Auftritt, dann muss ich mir beispielsweise auf die Zunge beißen um nicht in der U-Bahn angestachelt von dem Gegröle der vereinzelten Turbojugenden „Oh Sailorman“ mitzubrüllen ^^. Oder wenn man endlich im Konzertsaal angekommen ist und es kaum noch erwarten kann dass es losgeht, man aber genau weiß, dass noch mindestens eine Vorband ihr blödes Programm durchzieht bevor die Band loslegt (können einem übrigens echt leid tun, die sind oft ziemlich gut aber als vorband ist man immer der depp^^)
    Ja ich kann dich verstehen, und mir gehts genauso, erinner mich grad an einen 2-stündigen Auftritt von Soulfly im Schwarzwald *schwelg* … muss jetzt gleich mal das Album rauskramen ^^

  3. Also es gibt sicherlich auch Konzerte, auf denen ich war, und wo ich nur mit dem Kopf zur Musik genickt habe. Aber da ich eben kein Fan.
    Wenn ich Fan bin, sind mir auch die Vorbands unerträglich und ich muss während des Konzerts fast weinen, weil ich so froh darüber bin, in dem Moment auf diesem Konzert zu sein. Fansein eröffnet einem eine völlig andere Welt: Wenn ich nach dem Konzert in der U-Bahn sitze, an dem Handy einer Freundin rumspiele, laut ein Lied der zuvor gehörten Band laufen lasse, es wegpacke (weil ich denke, die armen genervten Bahnfahrer) und dann aus allen Seiten „Ooooooh, schade!“ kommt, weil ich inmitten Gleichgesinnter sitze – das ist cool!

  4. hm, aber man kann ja auch ohne fan zu sein endorphine ausschuetten und alles toll finden und schwitzen und alles. und trotzdem kann man am morgen davor und an dem danach ganz normal aufwachen und das radio anschalten, und da kommt dann ganz andere musik, deren urheber man nicht kennt, und man freut sich enfach nur ueber die musik, ohne alles darueber herausfinden zu muessen und spuckefaeden zu ziehen…. und mittzwanziger, die von „zu alt“ reden…sollte man eh nicht ersnt nehmen, die wollen sich doch nur wichtig machen :)

  5. Kassio: Ich wette, das mit der Spucke kommt noch (unbemerkt^^)
    Ja, toll, oder? ich habe auch einen Ordner, indem ich mal alles von Tim Fischer oder Vladimir Malakhov oder Wir sind Helden gesammelt habe.

    Patrick: Viel Spaß beim Schwelgen und CD-laut-anhören

    Anj: Ohja, das in der U-Bahn ist ja ne coole Sache. Da hat man gleich so ein Gemeinschaftsgefühl- toll!:-)

    alex: nee, Fans sein ohne Endorphine geht doch gar nicht. Entweder Fan oder „Zuhörer“…finde ich ^^
    Und ja, solchen Leuten glaube ich auch immer nur sehr vorsichtig. Aber mir tun sie eben leid:-)

  6. Ein interessanter Artikel muss ich freilich zugeben der mich 2-seitig angesprochen hat. Einerseits kann ich da ich selbst fast mitte 20 bin verstehen andererseits gibt es lichte Momente wo selbst ich mal zu Musik oder auf Konzerten mit rumspringe. Es ist eigentlich am wichtigsten würde ich sagen die Aussage bei Location und Laune des Gegenüber zu prüfen^^

  7. Ich bin Fan – vielfältiger sogar. Und das auch wenn ich die Mitte Zwanzig schon länger hinter mir hab…

    Ja – nach einem Konzert am Mittwoch, hab ich Donnertags im Büro Startschwierigkeiten.
    Ja – die exzessiven Partys werden weniger (aber nicht weniger gut!).
    Ja – ich stehe nicht mehr unbedingt ganz Vorne (aber weit Vorne).
    Ja – ich werde älter.

    Aber: Was solls? Kann eh nix dagegen tun. Und auf den Konzerten ist es herllich wenn man (im Gegensatz zum Jungen Gemüse) auch die alten Lieder mitgröhlen kann! :oD

    In diesem Sinne:
    Freue Dich des Alters – es bringt Weisheit und Erleuchtung ;o)

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