Aus Sieben mach Siebenhundert

Eure sieben Wörter- in 24 h meine Geschichte, das war die selbsterlegte Aufgabe und genau 24 später nehmt dies:

So, nachdem mir jetzt die Augen weh tun, weil ich längst schon hätte schlafen sollen, habe ich die Geschiche mit euren sieben Wörtern noch nächtlich geschrieben. Zur Erinnerung, meine Damen und Herren, hier sind sie, die Stars des Abends:

Schmalzbemme, Mattenbrand, Walderdbeeren, Schnittchenprämie, Singsangsommersonnenwende, Rind und Kaffeschokoladenliebe.

Und hier ihre Geschichte.

Schmalzbemme“.
-“Was?“
„Ja, genau, das hat er gesagt. Schmalzbemme. Schrecklich, oder? Dabei sah er doch so niedlich aus. Und der Dialekt dazu. Nee, das geht mal gar nicht.“ Christina verdrehte die Augen und seufzte. „Hach, da findet frau schon mal einen Kerl, der nicht aussieht wie Stulle, und dann redet der wien bauer aus dem tiefsten Süden. Und Schmalzbemme“ – sie machte ein ekelhaftes Geräusch „als sein Leibgericht zu bezeichnen. Uärgs. Davon kriege ich Mattenbrand in den Ohren“
Andrew lachte. Er legte seine Hände um seine müslischalengroße Lieblings-Milchkaffeetasse. Die mit den Walderdbeeren drauf.
„Woher willst Du denn wissen, dass es WALDerdbeeren sind?“ hatte ihn Christina einmal entnervt gefragt. „Na, guck doch mal – die sehen so saftig und zufrieden aus, das können nur wildlebende, rebellische Walderdbeeren sein.“ hatte Andrew schelmisch zwinkernd erklärt. Damals, in einer der erste unzähligen Nächte, die sie sich in der WG-Küche um die Ohren schlugen. Mit Milchkaffe und Schnittchen. Seit damals war es eben die Walderdbeeren-Tasse. Die Tasse, die Andrew schon etliche „Was soll ich bloß tun“. oder „Ist das Leben nicht wunderbar“-Nächte in den Händen gedreht hatte.
„Und was soll ich nun machen?“ holte ihn Christina wieder aus seinen Gedanken. Sie biss in eine von Andrews Schnittchen. „Mhhhh“ verdrehte sie verzückt die Augen. „Du hast Dir Deine Schnittchenprämie echt verdient.“ nickte sie mit dem Kopf zum Kühlschrank.
Dort hing ein mittlerweile ziemlich befleckter Gutschein, über eine „Nachtwanderung zur Singsangsommersonnenwende bei Vollmondschein“. Christina hatte ihm den Gutschein nach einer ihrer ersten Krisen-WG-Nächte geschenkt. Und tagelang von seinen Schnittchen-Schmierkünsten geschwärmt. Den Gutschein hatte er noch nicht eingelöst und als er fragte, was denn bitte eine Singsangsommersonnenwende sei, hatte seine WG-Freundin nur leise gelächelt und gesagt „Lös ihn ein.“.
Andrew griff seinerseits nach einem Schnittchen mit einer Scheibe Gouda und reichlich buntem Pfeffer drauf. „Ja, wann verrätst Du mir endlich mal, was das Singsangdings ist?“.
Christina stöhnte „Wie oft noch. Lös ihn ein, dann wirst Du schon sehen“. Doch Andrew wollte sich das Geheimnis lieber noch ein bisschen bewahren wie ein kleiner Schatz, den er dann und wanan anschaute. Er schüttelte die Gedanken aus dem Kopf und kehrte zu Christinas akutem Schmalzbemmem-Problem zurück.
„Und was, wenn Du das Rind einfach küsst? Dann ist es doch still“
Christina musste so heftig lachen, dass ihr einige Schnittchenkrümel in die Nase rutschten. Sie schnaubte heftig und drehte sich dann mit knallrotem Gesicht zu Andrew. „Wie hast Du ihn genannt? Rind?“
-„Naja“ Andrew wichte sich ein Schnittchenkrümel vom Ärmel „er hat mich einfach an eines erinnert, als ich ihn das erste Mal gesehen habe. Mit dem Nasenring.“
Christina atmete tief durch und versuchte unauffällig die Schnittchenkrümel aus der Nase in den Hals zu schniefen und runterzuschlucken. „Ach Andrew,“ seufzte sie theatralisch „wenn ich Dich nicht hätte.“ Und gab‘ ihm einen Kuss auf seine Stirn. Dann öffnete sie den Kühlschrank und zog etwas daraus hervor. „Hier, Kaffeschokolade. Mein mickriger Beitrag zu diesem kulinarischen Hochgenuss“ sagte sie und reichte ihm eine gold glänzende Tafel. Andrews Augen weiteten sich. Er hatte heute schon eineinhalb Tafeln genascht, aber das musste Christina ja nicht wissen. Sie hielt ihn für hoffnungslos verfressen mit seiner Kaffeschokoladenliebe.
„Danke“ nuschelte er, während das erste Stück sahnigen Kakaotraums auf seiner Zunge schmolz.
Dann schwiegen die beiden eine lange Weile. Christina kaute glücklich auf einer Walnuss-Schinken-Camembert-Schnitte herum und Andrew gab sich seiner liebsten Sünde hin.
Irgendwann richtete sich Christina stöhnend aus dem Schneidersitz auf und hüpfte vom Küchentisch.
„Danke für alles“ sagte sie, stellte die restlichen Schnittchen in den Kühlschrank und ging in ihr Zimmer. Andrew saß noch eine Weile am Tisch, blies dann die Kerze aus, die sie sich aus einem Anfall von Einrichtugnswahn zusammen gekauft hatten, und schlurfte in sein Zimmer.
Am nächsten Morgen fand er einen Zettel vor seiner Tür. „Werde das Rind heute küssen, sobald es den Mund aufmacht, um zu blöken. Thanks, buddy.“ Andrew schmunzelte, als er die kleine Zeichnung dazu betrachtete. Er kritzelte auf die Rückseite: „Hauptsache, er will nach eurem Liebesspiel nicht noch eine ‚Schmalzbemme‘ als Betthupferl. Bye!“ Dann ging er ins Bad, putze sich die Zähne und klappte beim Hinausgehen den Klo-Deckel hoch. Christina wurde immer so toll walderdbeerenrot, wenn sie sich darüber aufregte.

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16 Gedanken zu “Aus Sieben mach Siebenhundert

  1. Mir gefällts auch total gut!!! Ach, irgendwie eine ganz tolle Situation da in der WG-Küche… Andrew und Christina sind schon ein tolles Team. Aber das Rind einfach zu küssen erscheint mir dann doch nicht als die richtige Lösung… Ich finde, sie sollte Schluss machen!

  2. schoen, schoen. hab mich sehr gefreut waehrend des lesens. es gibt ueberhaupt viel zu wenige wg-kuechengeschichten. mehr davon. ( dit heisst uebrigens blies und nicht bließ, nur so am rande :) )

  3. tina: dankä..und ja, Du bist noch ganz knapp rechtzeitig gekommen mit Deinem schicken Wort:-)

    Anj: Ach, erstmal Sex und dann weitersehen, oder? So macht man das doch…?^^

    Alex: Hm, dafür kann ich ja nichts, wenn es wenige WG-Küchengeschichten gibt. Schließlich hab‘ ich das mit den Wörtern das erste Mal gemacht und es wird auch sicherlich – wenn ich diese Aktion mal wiederhole- nicht dieselben Wörter geben, zu denen mir spontan eine solche Küchengeschichte einfällt. Sorry also:-)

    (und dis bließ habick jeändert. sänks, wa!)

  4. Dass es ne Küchengeschichte wurde, liegt sicher auch an den ganzen Essenswörtern. Aber ich find das so toll, weil es ne WG-Geschichte ist und das mit dem extra-Klodeckel-Hochklappen ist so toll. Bestimmt machst du das bei euch zu Hause auch immer, um die Anj zur Weißglut zu bringen :)

  5. Danke an alle Freundlichkeiten-Schreiberlinge:-), es war mir ein Vergnügen und „ihr wart ein Publikum“ (MichaE)

    Don: das darfst Du Dir selber ausdenken;-)

    kassio und Anj: ach, unser kleines Schildchen im Klodeckel verhindert sowas ja zum Glück…

  6. @Anika:

    Äh – bei meiner eigenen Schreiberei muss ich mir schon genuch denken.
    Das muss ich dann bei Deiner nich auch noch machen… Immer diese Halbarbeit. Einfach zu faul sein, ne Geschichte zu Ende zu schreiben und die Arbeit auf den Leser abwälzen unter dem Vorwand dessen Phantasie anregen zu wollen *tsass*. Ich bin empört!!

    (o; *zwinkerzwinker*

  7. tja Don. Damit wirst Du woh leben müssen^^ (im wahrsten Sinne des Wortes, denn gerade das Leben ist ja ein besonderer Kandidat für nicht eindeutig zuende geschriebene Geschichten)
    …Oder Du liest nur noch Märchen. Das dürfte Dir dann doch gefallen;-P

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