Frühling. Die Sonne blendet.

Ein Mädchen mit Kopfhörern stellt einen Fuß auf die verblichenen Polstersitzen der S-Bahn. Ein Mann steht auf seinem Balkon und fährt sich durch die kinnlangen schwarzen Haare. Auf dem Pflastersteinweg beeilt sich ein Student zur Vorlesung und verschüttet etwas von seinem Kaffee. Ein zotteliger Hund steht an der Straßenecke und wittert den Frühling. An der Leine eine keuchende Frau mit dicken Beinen. In einer Straßenbahn sitzt die alte Frau mit strähnig-grauem Haar. Sie hält sich an einer leeren Bierflasche fest. Ein Pärchen berührt sich lächelnd mit den Nasen, die Augen geschlossen. Die warme Sonne fällt durch junge Blätter eines Baumes. Sie berührt die blonden Haare eines jungen Mannes. Er wird von drei Menschen umringt. Einer zischt „Scheiß-Schwuchtel“. Eine Faust schlägt steinhart in seinen Magen. Er keucht. Er schmeckt Blut. Er sieht nichts mehr. Er fällt auf Benton. Einer lacht. Einer tritt ihm mit dreckigen Schuhen ins Gesicht. Kleine Steine bohren sich in die Stirn. Spitz. Kalt. Ein Spatz landet flatternd auf dem höchsten Ast im Baum. Ein rothaariges Kind klammert sich aufjauchzend an das Bein eines Mannes mit dunklen Jeans. Er zupft es von dort und wirft es immer wieder wirbelnd in die Luft. Das Kind lacht und schließt die kleinen Augen zu winzigen Fältchen. Die Sonne blendet. Ein Mädchen mit Kopfhörern trommelt mit den Fingern einen Rhythmus auf ihr Bein.

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8 Gedanken zu “Frühling. Die Sonne blendet.

  1. Ein Mädchen mit roter Brille sitzt vorm PC. Sie liest einen Blog. Der Text lässt vor ihrem inneren Auge das Bild eines großartigen Stadtgewimmels erscheinen. Sie lächelt. Das Mädchen mit der roten Brille schreibt einen Kommentar dazu.

  2. Das ist genauso, als würde man bei einem Film, der schlimme, gewalttätige Szenen zeigt, liebevolle Musik im Hintergrund einspielen. Wird das Bild dadurch schön? Nein, es wird nur noch schrecklicher.
    Genauso empfinde ich bei der Geschichte: die wunderbaren, zwar alltäglichen un dennoch einzigartigen Dinge, wie ein Sonnenstrahl durch das Laub eiens Baumes, ein lachendes Kind oder ein Hund, der den Frühling erschnuppert, lassen die Szenen gegensätzlicher Stimmung noch grauer werden. Irgendwo lacht ein Kind, während ein Mann (wahrscheinlich) aufgrund seiner Liebesorientierung (Anm.: ich sage mit Absicht nicht „sexuelle Orientierung“, da Lieber meiner Meinung nach umfassender ist und das „sexuell“ den Mann auf sein Betttätigkeiten beschränkt) verprügelt wird; die Sonne scheint, während eine Frau schon am Morgen ihre Trostlosigkeit ersäuft.

    Ziemlich tiefgründiges Bild. Danke dafür!

  3. Genauso wie Anj meinte ich das auch. Mit großartig meinte ich auch nur das Bild an sich, natürlich ist es nicht großartig in dem Sinne von „toll, da wird ein Mann verprügelt und die Sonne scheint aber so schön!“. Nur falls es da zu einem Missverständnis gekommen sein sollte.

  4. Ich auch :-)

    Übrigens (ist mir erst im Nachhinein aufgefallen): Der Titel ist ganz toll!!! Wirklich!!! Find ich total passend und einfach gut! Bin begiestert (ich steh auf schöne Titel!)

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