Feuerland, guten Abend.

Es ist Freitagabend. Norbert Leisegang, der mit der dahingerotzt-lässigen Stimmlage, nimmt Gedichte in den Mund. Der Titel sagt’s schon: „Club der Toten Dichter – Wilhelm Busch neu vertont.“ Und zwar richtig.

Neunzehn Uhr, der Einlass im Babylon hat begonnen. Da freie Platzwahl ist, eile ich durch die Mitte-Straße mit großen Schritten und wippendem Zopf.

Alles grundlos, denn das doppelt so alte Publikum ist doppelt so unaufgeregt. Meine Sorge, nur noch Sitzplätze mit großen Menschen vor mir zu bekommen, verpufft angesichts des mäßig gefüllten Saals.
Während ich mich zu den vorderen Reihen voranschlängele, schüttle ich mir ganz schnell die Erinnerung an das letzte Arctic-Monkeys-Konzert aus den Ohren. Hier ist man zwar auch mit glänzenden Augen und Apfelwangen dabei, aber sitzt dabei gesittet in den Kino-Sitzen. Und gedrängelt wird nur aufm Klo.

Eine Stunde, eine Cola und ein „Gehören sie dazu? Wo sind denn die Toiletten?“ später tritt die Band,
die so rein gar nichts mit Arctic-Monkey-Zuständen gemein hat, auf die Bühne. Der Saal ist inzwischen ausverkauftgefüllt. Und die Männer der Stunde sehen reihum so aus, als hätten sie daheim eine kleine Tochter mit Locken, die auf sie wartet. Darauf, dass sie fröhlich kreischend wieder auf die Schulter gehoben wird. Angenehm unarrogant schlendern sie zu ihren Instrumenten.
Und das Konzert beginnt.

Trotz Sitzplatz, Scheinwerfer in die Gesichter des Publikums – zum Filmen für die DVD-Aufnahme, ja, das muss heute so -, die durchaus unattraktiven Hauptakteure und Alt-Gedicht-Interpretationen breitet sich eine wohlige Gänsehaut über meinen Rücken, als die Herren zu spielen anfangen. Die können das. Hört man. Das mit dem Musik machen. Das können sie gut.

Schon in den allerersten Minuten haben sie mich auf ihre Seite gezogen. Wer hätte gedacht, dass Max und Moriz‘ Ende so harmonischön klingen kann.
Ich lasse mich von der Musik umschwirren und schaue dem Kontrabassisten zu, der beim Spielen selbstvergessen tanzt und alle Lieder lächelnd mitsingt. Dazu ein aufgeknöpftes Hemd, Ohrring und Baskenmütze.

Diesmal entführt mich die lässige Erdnussschips-Stimme zwar nicht nach Feuerland, verzaubert aber trotzdem. Und die Melodien sind so wunderbar, dass ich ein paar Lieder lang vergesse, auf die wortwitzigen Texte zu achten. Ach,das wird ein schöner Abend, denke ich, während ich grinsend im Sessel vor und zurück wippe.

Und da habe ich recht.

(v.l.n.r.) Reinhard Repke, Jörg Mischke, Tim Lorenz, Helge Marx, Norbert Leisegang
25. April 2008 im Babylon
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5 Gedanken zu “Feuerland, guten Abend.

  1. Das klingt aber fein! Das habe ich im Radio gehört, dass es das gibt. Dort hat mich immer ein Satz mi „Likör“ amüsiert, ich kriege es nur nicht mehr zusammen. Schön, dass es dich verzückt hat. Ich habe jetzt jedenfalls einen Ohrwurm. ^^

  2. puppe: die touren bestimmt auch in Deiner heimatstadt…einfach mal schauen…:-)

    anj: ja, der hat eine wunderbare Sprechstimme. Nur habe ich die leider gar nicht so oft hören können, denn – entgegen der Werbung – ist der Norbert gar nicht „Oberhaupt“ des ganzen, sondern „nur“ (Mit)Sänger. VIel geredet hat vor allem auch der reinhard. Der wirkliche Kopf des Ganzen.

    icke: janau. volltreffa.

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