Auf der Haut und darunter

Die Rapsfelder sind das erste Wegzeichen. Die kleinen gelben Blüten fangen an, sich im grünen Takt zu wiegen, werden ein Sonnensee. Sie hat sich immer gefreut, damals noch. Jeden Frühling hat sie gesagt Ach Kindchen, wie schön ist das jedes Mal, wenn der Raps kommt. Jedes Jahr so wunderbar wenn die Felder blühen. Ach Kindchen. Wir fahren am gelb gesprenkelten Feld vorbei. Es ist wieder die Zeit, die die Augen verzaubert. Ja, den Raps hat sie immer gemocht.

Wir steigen aus und atmen vergessene Luft. Die letzte Parklücke vor der Wiese war noch frei. Sonntagskinder und Dorfkinder liegen im Gras neben ihren Fahrrädern. Kleine Eisflecken auf den Wangen und die leeren Glasbecher auf den Biertischen.

Meine Füße kennen noch den Weg, der Blick muss erst wieder über alles tasten, um zu erkennen. Um wegzuwischen und hervorzuholen, was damals war. Der Grashügel mit den Gänseblümchen und der immer feuchte Waldweg. Der gleißende Tag ist nur Schatten der Nacht damals, ohne Sattel zur Weide.
Auf der Caféterrasse sitzen die Ausflügler und schauen in den Himmel. Da, da hinten rechts haben wir gesessen. Der Kuchen klebrig und süß in der Hand. Wie die Seewellen gegen den Steg schwappen. Und wenn man das Ohr auf das Holz legte, war da ein Glucksen. Wie von einem dicken Ungeheuer.

Die Pferde sind immer noch dort, wo der Weg sich gabelt. Die Luft ist schwer vom Geruch nach jungem Gras, nach Möwen am HImmel und Heu. Knisterheu, das immer so schön nach Ferien roch. Und jedes Mal eine Handvoll davon in die Hosentasche. Abends im eigenen Bett dann in das Kopfkissen stecken und mit der Nase hineinspringen

Nach verwischten Stunden Zeit und der Haut voller Waldgrün geht es irgendwann zurück.
Kein duftendes Heu nach Hause, diesmal. Nein, diesmal Bilder von Kindern, die auf Baumstämmen spielen und das Damals feucht in den Augen. Ein Grashalm im Nackenhaar und die Rapsfelder neben uns. Ich hebe den Kopf nicht vom Arm, aber ich sehe sie auch mit geschlossenen Augen am Fenster vorbeischwimmen.

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9 Gedanken zu “Auf der Haut und darunter

  1. Ich glaube, so eine Idylle gibt es vielerorts, aber was man damit verbindet, bezieht sich zumeist nur auf einen. Deswegen Kassio: Geh in dich und erinnere dich daran, wo deine Idylle liegt. :-)

    Ani, ein ganz wunderschön geschriebener Tagesausflugsbericht. Ich hab Raps- und Sonnencremegeruch im Näschen, stelle mir vor, wie mein Kopf auf meinem kühlen Arm ruht, der nach UV-Filter riecht, durch ein mit Fingertapsen vermatschtes Autofenster blicke und den Wald meiner Kindheit an mir vorbeiziehen lasse.

  2. kassio: ab in den Norden.

    Anj: ach, danke:-) und träum noch schön.
    Bei mir ist da mehr See und Felder als Wald. Oder auch ostsee,,,

    don: ohje, solche Frühlingsallergie ist echt doof. Ich kann mich in ein Feld legen und mein Niesen kommt dann nur von der Sonne^^

  3. Ich kann mich so lange in ein Feld legen wie ich will – Heuschnupfen bekomm ich nicht…
    Sagen wir mal so: Das Zeug reizt nicht meine Schleimhäute, sondern eher meine Augen. Und das auch nur optisch.
    Ich mag den frühling ja auch, aber… trotzdem doofe Pollen. :p

  4. feuchteAugenkriegundeinachwieschööönGeseufz!!
    wunderbar geschrieben, man fällt gleich rein…
    ins Rapsfeld
    in die Damalszeit
    ins ab-ins-Grüne-Feeling
    in die Ani-Geschichte
    Danke:-)

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