Kleine Splitter


Ich hab‘ jedes Mal Angst, die Flasche zu öffenen.
Die ganzen letzten Tage hab‘ ich sie unbewusst immer wieder in die Luft geworfen und geschüttelt. Wenn ich mein Ohr an das dünne Glas lege, höre ich es schon gefährlich zischen. Es dehnt seine Grenzen. Aber je länger ich hinauszögere, den Deckel abzuschrauben, desto heftiger wird es.

Ich kenne das ja. Ein bisschen unvorsichtig den Deckel abdrehen und schon fliegt er mit überwältigendem Druck an die Decke und aus der Flasche strömen sie in Sturzbächen. Die Wörter, die zu lange geschüttelt wurden. Zu lange im Flaschenbauch immer wieder aneinandergeraten und sich gegenseitig untertauchend. Sich aufplusternd. Sie wittern leere Seiten und springen aus dem Flaschenhals wie wildgewordene Feuerwerke. Und ich stehe immer mit dem Deckel in der Hand einfach nur da. Wische mir die Buchstaben aus den Augen, die sich wie feiner Sprühregen in der Luft hängen und versuche, die hervorströmenden Worte vom Boden aufzuwischen, ehe sie mir mein Laminat wellen. Das ist Knie- und Krempel-Arbeit. Jedes Mal.

Geplatzt ist die Flasche nur einmal. Die Splitter sind fürchterlich scharf und bohren sich tief in die Augenwinkel, bis sie eines Tages vom Salz abgeschliffen und aufgelöst werden.

In Gedanken daran fange ich die in der Luft trudelnden Flasche und halte sie fest. Ich drehe den Deckel ganz langsam auf. Stück für Stück. Das Zischen sprudelt in meinen Ohren. Und die ersten Worte rutschen am Flaschenhals entlang direkt in meine Hände.

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13 Gedanken zu “Kleine Splitter

  1. Angst die Flasche zu öffnen und gleichzeitig zu wissen, dass es mit dem Hinauszögern schlimmer wird, ist ein bedrückender Gegensatz. Ob man da vielleicht jemals an den Punkt kommt, die Angst so schnell es geht zu überwinden und die Flasche sofort aufzumachen, bevor sich so viel Sprudel bildet, dass sie droht zu patzen?

  2. Du Pötin, Du ;o)…!

    Man könnte jetzt unter Umständen auf die Idee kommen und sagen „Warum überhaupt erst einen Verschluss draufsetzen? Soll es sich doch ohne Druck verbereiten.“ Lässt man aber eine Flasche geöffnet stehen, geht, wie meine Oma es immer formulierte „der Geist raus“ und alles wird schal und labberig.
    Möglicherweise stößt die Metaphorik hier auch an ihre Grenzen, denn offenkundig kann die Flasche nicht erkennen, wann es Zeit ist, es herauszulassen. Und selbst wenn sie es könnte, fehlt ihr die Möglichkeit, sich selbst zu öffnen. Wir haben da ja eigentlich andere Möglichkeiten…naja, eigentlich…das Wissen um den richtigen Zeitpunkt ereilt mich auch nur gelegentlich…

    Dann also doch wieder Buchstabennudelsprudel???…

  3. tomi: ach dankeschön:-)

    frissmeinich: wichtig ist nur, dass Du Ohrenschützer trägst, wenn sie Dir um die Ohren fliegen..

    AnJ: jepp, die Kunst, alles gleich zu machen, und nicht immer erst zu warten, bis sich Sprudel bildet, ist ein Lebensziel, das man ruhig mal anstreben könnte..

    Patrick: oder so, ja^^

    lordfoltermord: das mit dem Verschluss geht immer ganz von selbst. Da kann man gar nichts gegen machen, außer etwas zu machen. Bei Stillstand und in der Nacht schraubt sich der Verschluss immer wieder zu. Wichtig wäre, ihn einfach jeden Morgen wieder zu lockern…

    paula und alex: ist doch schon.

  4. ich will damit ja gar nicht sagen, dass man sich sofort an die- oder denjenigen krallen muss, der / die einem zuallererst über den Weg rennt. Ich meinte in dem Artikel nur Menschen, die aufgrund von „ach, das reicht mir irgendwie nicht, ich kann doch nicht immer bei dem ersten Partner bleiebn“ sich von Partnern trennen, die, wenn sie zweite oder dritte wären, es durchaus „geschafft“ hätten. Ich meine nur einige anscheinend gesellschaftliche „Zwänge“, die uns dazu bringen, nicht das zu erkennen, was man hat, sondern immer mehr und besseres zu wollen. Immer höher, weiter schneller.

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