Das eigentliche Abenteuer

Sie hatte sich noch nicht ausprobiert. Sie wollte noch mehr erleben im Leben. Dafür ließ sie zurück, was sie nachts wärmte und im Sommer klebrig werden ließ. Was ihr vorlas, wenn sie hustete und was ihr Ruhe gab im Treiben.

Solche Geschichten hört man oft. Menschen, die ihre ersten Partner verlassen, weil ihnen der Duft der anderen da draußen unter der Nase reibt. Weil sie sich nicht vorstellen können, ihr Leben lang nur diesen einen Mund geküsst, diesen einen Rücken gestreichelt und immer dieselben Sommersprossen gezählt zu haben.

Wo ist die Freude hin, sich wenigstens im Gefühl niederlassen zu können in der Welt, die um einen herumsaust, wie wütende Herbststürme? Die sich ständig verändert und immer etwas von uns will. An uns reißt und rüttelt und zerrt. In die eine Richtung, dann in die andere und immer wieder nach vorn, nach oben. Wo bleibt der Wunsch, wenigstens die Partnerschaft ein Sturmauge werden und bleiben zu lassen?

Je öfter man sich umhört, desto häufiger begegnen einem die Augen von Zurückgelassenen. Auch in der Liebe muss es anscheinend heftig zugehen. Muss man Erfolge und Punkte und Erfahrungen sammeln, wie Praktika im Lebenslauf. Da werden One-Night-Stands aneinandergereiht, kurze wie lange Beziehungen ausprobiert und Bettsportpraktiken weiter trainiert. Denn keiner kann es sich leisten,zu etwas noch nicht bereit gewesen zu sein und hinter einer Erfahurung einmal kein Häkchen setzen zu können. Wo es einst das größte Glück schien, schnell die Person Richtig zu finden, und bei ihr zu bleiben, scheint es jetzt das Glück, eine besonders aufregende Suche zu erleben.

Heute ist es eine viel größere Herausforderung, zu bleiben, statt zu weiter- und überzugehen.

Die Unruhe steht hinter den Ohren der Liebenden, doch wer hat sie dahin geschrieben?
Alle, die wir davon träumen, ein richtiges Abenteuer erlebt und überstanden haben zu müssen, ehe wir am Aussichtspunkt ankommen und uns mit Stullenbüchse und Wasserflasche seufzend niederlassen können. Die Aussicht genießend.
Was wäre es auch für ein Gefühl, etwas zu erreichen, ohne sich zwischendruch Schweißströme von der Stirn zu wischen und nicht mindestens dreimal über einen besonders steinigen Weg gekrochen zu sein, denken wir uns.
Was ist ein Erfolg, für den man keinen Finger krumm gemacht hat?
Was für ein Abenteuer, wenn das Ziel gleich das erste Dorf nach der ersten Wegbiegung ist. Wie können wir wissen, dass es schön ist, wenn wir nicht mindestens ein anderes gesehen und durchwandert haben? Heutzutage kriegt man nichts mehr geschenkt, meinen wir, außer Fangabos und Körperkontakt in der überfüllten S-Bahn. Da können wir uns kaum mit dem Gedanken abfinden, ein Gefühlsgeschenk einfach so anzunehmen. Wir betrachten es misstrauisch – irgendwo muss der Fanghaken doch versteckt sein – und legen es womöglich wieder weg, weil wir noch nicht genug gesehen haben.

Aber das Verlangen, sich richtig umgeschaut, Konditionen verglichen und auf Herz und Nieren geprüft zu haben, kann besonders gut ausgelebt werden, wenn man Wohnungen mit Balkon, Cafés und Ruhe sucht.
Und das Gefühl, wirklich für etwas gekämpft zu haben, stellt sich wie von selbst ein, nachdem man versucht, sich im Hauptbahnhof einer Großstadt durch die Menschenmenge zu wühlen. Und das ohne Brezelstückchen im Haar, ohne Rollkofferspuren auf dem Fuß, ohne einem Spendenabo für die Organisation zu schützender Primeln am Straßenrand und besonders ohne einem Zweijahresabo für die lokale Tageszeitung.

Ganz umnebelt von wüstem Alltag, vergessen wir, dass das Ding mit der Liebe keinen Prüfungen standhalten muss, die wir an Bergsteigeerfahrungen im Urlaub und bei Einkaufseroberungen haben. Es muss nur eines: Bauch und Herz von innen streicheln.

Das zauberhafte Ding einfach am Schlafittchen zu greifen und sich fest ans Herz zu legen, ist das eigentliche große Abenteuer.

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20 Gedanken zu “Das eigentliche Abenteuer

  1. Der Satz „Heute ist es eine viel größere Herausforderung, zu bleiben, statt zu weiter- und überzugehen.“ trifft es genau und ich kann nur zustimmend nicken. Glücklich sind die, die sich nichts anhaben lassen, von der Welt da draußen. Die gemeinsam nicht nur die Höhen genießen, sondern sich auch in den Tiefen bei den Händen halten und sich fest umklammern. Die bei einer großen Welle den anderen über Wasser halten.
    Allerdings glaube ich schon, dass die Liebe Prüfungen standhalten muss. Nur, dass es keine Zensuren gibt, sondern Nähe oder Entfernung.

    Sehr schöner Text, liebe Ani.

  2. Wow, besser hätte ich es nicht in Worte fassen können.
    „Heute ist es eine viel größere Herausforderung, zu bleiben, statt zu weiter- und überzugehen.“
    Es erfordert vor allem viel mehr Mut und Durchhaltevermögen, als von einem Abenteuer ins nächste zu springen. Es erfordert Geduld und Verständnis und wird damit selber zum Abenteuer. Von Beziehung zu Beziehung zu straucheln ist einfach, aber eine Partnerschaft wachsen zu lassen und nicht gleich bei jeder kleinen Wolke am Beziehungshimmel alles aufzugeben, ist eine Herausforderung.

  3. Sehr schön!
    Sehr wahr!
    Sehr alles!

    Vor allem erfordert die Fähigkeit, zu bleiben so etwas wie eine Zu-frieden-heit, eine Dankbarkeit, für das was ist und eine kleine Streitmacht, welche die immer wieder auftauchenden „Könntsnichtnochbessersein“-Eindringlinge früh vertreibt.

    Eines der unübertroffenen Plusse(??) in stabilen Beziehungen: Ausatmen können…

  4. Oh, vielen Dank, für die roten Wangen, die ich vor Lobesfreue bekommen habe:-)

    Sonnenanne: Aber woher weiß man, dass es nichts Besonderes ist, wenn man es sowieso gleich nur als Etappenziel ansieht?

    Puppe: das stimmt natürlich, dass es auch „Prüfungen“ für die Beziehung gibt. Aber man sollte sich immer wieder sagen, dass es eben kein Profit ergeben muss oder weißwasichwie abenteuerlustig. Sondern, dass das Gefühl genau jetzt stimmt. Fände ich als wichtigstes „Kriterium“.

    Denzie: Genau das ist es. Nicht bei kleinen Problemen den Kopf in den Sand stecken und ich abwenden und wegspringen, sondern sich hinsetzen und das klären. Kämpfen.

    lord: ja, stimmt! Die Ruhe haben und die Stärke, genau den Augenblick, genau die Phase zufrieden zu genießen, still zu stehen und da zu bleiben. statt im Kopf schon 5 Jahre in der Zukunft herumzuturnen oder mögliche Schwierigkeiten auszuwälzen. schön gesagt, das mit dem ausatmen.

  5. Aber es gibt auch nicht immer nur das eine oder das andere. Die lange Beziehung, an der man festhält, oder die vielen kurzen Abenteuer, die man ständig erlebt.
    Man kann auch versagen, an einer Beziehung festzuhalten, und trotzdem nicht von einer in die nächste straucheln.
    Ich empfinde beides als riesen Herausforderung: an einer Beziehung zu arbeiten und versuchen, sie weiterzuführen, auch wenn es nicht nur Höhen gibt, und auf der anderen Seite eine neue Beziehung nach einer alten anzufangen. Und wenn es immer wieder sein muss.

    Und ja, es heißt ja nicht, dass man sich nach unzähligen Abenteuern irgendwann „endgültig“ verliebt, bei dem Menschen fürs Leben angekommen sit und sich nichts-tuend zurücklehnen kann. Jede Beziehung, und sei es die erste oder zweiunddreißigste, ist eine Herausforderung und bedeutet Arbeit. Insofern erlebt man auch Abenteuer und Heruasforderungen, wenn man sein Leben lang mit demsleben, einzigen Partner zusammenbleibt.

  6. Zwei sehr gute Freunde von mir sind zusammen seit sie 17 Jahre alt sind. Das ist inzwischen über 10 Jahre her. Mit Sicherheit gab es auch Tage an denen es nicht leicht war, aber sie sind zusammen geblieben, weil sie wissen, dass sie zusammen gehören.
    Leider ist dieses Glück nicht allen Menschen vergönnt. Ich z. B. habe eine Weile gebraucht bis ich bei dem Mann angelangt bin, den ich heute den meinen nennen darf. Doch die unterwegs gesammelten Erfahrungen möchte ich auch nicht missen, schließlich haben sie mich zu der gemacht, die ich heute bin und mir klar gemacht, was ich von einer Beziehung erwarte und was ich auch trotz aller Liebe nicht tolerieren kann.
    Denn das ist meiner Meinung nach die große Kunst: Wenn die Versuchung plötzlich da ist, für sich selbst herauszufinden, wann es sich lohnt zu bleiben und die Beziehung wieder zum Abenteuer zu machen und wann es Zeit ist zu gehen und das neue Abenteuer zu leben. Beides ist weiß Gott nicht leicht.

  7. so wollte ich das gar nicht verstanden wissen. Ich meine nicht, dass man sich an die erstbeste Person krallen muss, die einem über den Weg läuft und auch nach drei Jahren Unglücklichsein darauf hoffen, dass sich Liebe ja noch entwickeln kann. nein. Ich meinte nur die, die sich aufgrund von anscheinend gesellschaftlichen „Ideen/Zwängen“ dazu hinreißen lassen, mit ihren ersten Partnern Schluss machen, um einfach mehr Erfahrung zu sammeln, weil heutzutage ja jeder welche vorweisen muss und man womöglich schräg angeschaut wird, wenn man mit seiner ersten Freundin zusammenbleibt…
    Und die Leute, die bei kleinen (!) Problemen sofort zum Sprung ansetzen, um eine neue, einfache Affaire einzugehen, ohne jemals sich hinzusetzten und an der Beziehung zu arbeiten. Denn man will ja Spaß haben, und muss krampfhaft alles locker sehen. Wehe, Probleme tauchen in der Ferne auf. Dann lieber schnell weg, ehe man ernsthaft über sich selbst nachdenken müsste.

  8. Auf den Bauch hören, so, wie du das schon/schön gesagt hast,
    ist auch meine Erfahrung.
    Der Verstand hat manchmal Recht und trotzdem fühlt es sich nicht richtig an.
    Und irgendwie halten Bauchverbindungen eher als Kopfverbindungen??

  9. Ja, schon klar. Aber ich denke die meisten, die eine wirklich glückliche Beziehung führen, werden auch nicht einfach Schluss machen, nur um mehr Erfahrungen zu sammeln oder aus Spass an der Freude eine Affaire anzufangen. Meistens ist doch die Beziehung dann sowieso schon am Ende und das nur ein Auslöser um Schluss zu machen.
    Ansonsten hast du natürlich vollkommen recht, eine Beziehung bedeutet auch Arbeit und da muss man auch mal Ausdauer haben, wenns schlecht läut.

  10. paula: ja, das denke ich auch. Der Bauch ist klüger als der Kopf.

    johanna: genau die Erfahrung habe ich aber leider schon bei einigen Leuten gemacht…Da kann die Beziehung noch so schön sein. Wenn der Gedanke erstmal da ist, setzt er sich oft fest und verursacht dann natürlich so Dinge wie Distanzgefühle u.ä…

  11. Es ist schade, dass „Erfahrungen“ auf dem Gebiet als so wichtig angesehen werden. Denn auch, wenn man sein Leben lang mit dem ersten und demselben Partner zusammen bleibt, macht man ja eine ganze Reihe wichtiger Erfahrungen.
    Klar ist es verständlich, dass sich die meisten menschen, die mehrere Beziehungen hinter scih gelassen haben, denken, dass ihnen die Erfahrungen etwas gebracht haben, dass sie geholfen ahben, sich weiter zu entwickeln.
    Aber all das, was auf das rein körperliche hinausläuft und auch durch eine AffÄre (ja, so schreibt man das auf deutsch ^^) erfahren werden kann, ist – denke ich – nicht wichtig. Es ist nicht wichtig, ob einen oder hundert Menschen in seinem Leben geküsst hat; das allein bringt einen nicht weiter und kann sogar unter Umständen dazu führen, dass die Körperlichkeiten für einen selbst an Bedeutung verlieren, da man sie ja anscheinend ständig erleben kann.

  12. Genau…und deshalb: Carpe Diem!

    Manche Beziehungen sind halt nur für kurze Zeit gemacht und oft weiß man es am Anfang eben nicht. Menschen verändern sich auch im Laufe der Zeit, unter Umständen auch in verschiedene Richtungen, auch das ist vorher nicht absehbar.

    Es gibt aber eben auch Beziehungen, die das Potenzial haben, langlebeig zu sein, einfach wegen grundsätzlicher Symphatie und hoher Schnittmenge und alle dem. Allerdings können auch solche Neziehungen Gezeiten haben (hoppela, hier wirkt wohl noch mein Urlaub nach). Wichtig in diesen Fällen wäre dann m.E., nicht zu glauben, die Beziehung sei zu Ende, nur weil die erste Hochphase zu Ende gegangen ist. Dann lohnt es sich u.U. wirklich, dran zu bleiben und alles für eine neue Hoch-Zeit zu tun, und zwar im Bewußtsein, dass es sehr wahrscheinlich eine andere Art von Hochphase sein wird wie die, die mal war und deswegen nicht schlechter sein muss.

    Ob das Bleiben lohnenswert sein kann, dass widerum wäre wirklich ein Ohr für den Bauch wert. Wobei ich den Begriff des „sich lohnens“ schon grenzwertig finde. Man sollte dies nicht so sehr an einem „Ertrag“ im wirtschaftlichen Sinn festmachen…

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