wolke sechs

Dieses doofe Internet, schimpft die Oma immer.
Dabei ist es ganz praktisch. Vor allem so ein Blog, in dem sich Geschichten und Erinnerungen zusammensammeln, wie in der alten Holztruhe auf dem Flur. Total toll ist es dann, wenn mir jemand über mein Blog Kinokarten schenkt und meine Meinung dazu wissen will. Karten gegen Rezension – einfaches Tauschgeschäft und eines nach meinem Geschmack. Da hat die Omi dann aber gestaunt. Das ist ja richtig praktisch manchmal, dieses Internet, sagt sie.

Stimmt. Und in den Film hätte meine Omi auch gepasst.
Zunächst möchte ich mich bei den Gönnern von dot-friends.com bedanken, die so versessen auf meine Kritik sind. Danke für die Karten. Im Tausch dafür diese Rezension.
Es ging um WOLKE 9, den neuen Film von Andreas Dresen (Sommer vorm Balkon).
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Ein Film, der sich um die etwas ältere Generation kümmert. Liebesgeschichte, Liebesdrama, Dreiergeschichte und alles Drumherum – nur eben mit vierzig Jahre älteren Hauptakteuren, als man das sonst so zu Gesicht bekommt.

Klingt interessant, dachte ich. Dann ging der Film los
Meine Oma wäre sofort entrüstet hinausgegangen in den ersten Minuten. Und ich könnte es ihr nicht verdenken. Die erste gefühlte Hälfte des Filmes sieht man nur: Sex.

Wie die alte Frau mit den schiefen Zähnen oben sitzt, wie sie kommt, wie der weißharrige Mann unter ihr kommt. Wie sie dabei komisch aussehen, welche Geräusche sie machen. Leider kein Abgeblende.
Den Zuschauern wird hier vollstes Programm geboten. Okay, interessant ist es schon ein bisschen, weil man das noch nie so richtig gesehen hat.
Nach den ersten zwei Minuten ist es dann aber auch gut.

Dumm nur, dass wir der Frau aber insgesamt viermal zuschauen müssen, wie sie Sex hat.
Sex mit oben liegen? abgehakt.
Sex mit unten liegen? abgehakt.
Sex mit sich? abgehakt.
Sex mit nicht klappen? abgehakt.
Alles einmal durchexerzieren, damit uns Zuschauern mal so richtig klar wird, ja ältere Leute tun es noch miteinander. Halleluja, welche neue Erkenntnis. Schon beim zweiten Mal muss ich mir ein Seufzen unterdrücken.

Irgendwann nach dem Gerammel geht die Geschichte los. Inge muss sich entscheiden, zwischen ihrem langjährigen Ehemann und dem neuen Lover. Das wars. Mehr ist da nicht drin in der Geschichte.
Ganz ohne Musik kommt der Film daher und so unspektakulär und teilweise bedrückend ist er auch gedacht. Liebesdrama mit Kammerspiel-Ambitionen. Geht so. Bisschen zäh.

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Einzig interessant bleibt die Leistung von Schauspieler Horst Rehberg, der den Ehemann spielt. Er meistert es, seine Rolle von geschätzten achtzig auf sechzig zu spielen und zeigt damit eine erstaunliche Bandbreite. Rehberg ist das Juwel in diesem FIlm und schafft es, jahrelange Innigkeit und Liebe in eine einzige Fingerbewegung zu legen. Ein kurzes Streifen über die Schulter seiner Frau. Dieser Moment geht unter die Haut. Leider wars das.
Halt, auch lachen kann man, das sollte nicht verschwiegen werden. So richtig laut. Einmal.

Ansonsten hat dieser Film -halb Softpornofilm für Fetischisten, halb Kammerspiel-Drama – nicht viel zu bieten. Es ist, als würde man der Oma ins Wohnzimmer schauen. Der Film ruht sich viel zu sehr darauf aus, etwas Besonderes sein zu wollen, mit seiner Thematik. Ui, alte Leute und Liebe. Und Sex. Das hat noch keiner gemacht, denkt sich der Regisseur scheinbar. Und vergisst dabei, dass dieser Altersbonus nach den ersten fünfzehn Minuten verschwunden ist. Spätestens dann braucht man Handlung statt Sex. Und wie jeder andere FIlm ein wenig mehr als eine langatmige Entscheidungsstory. Schade.

Die Numer im Titel gehört andersrum gedreht. Dann wüsste man, was einen erwartet. Und könnte sich stattdessen mit der eigenen Omi zum Kaffee treffen und ihr das Internet erklären. Das ist mit Garantie interessanter.

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7 Gedanken zu “wolke sechs

  1. Ein Hallo in die Anika – Welt :)
    Wieder ganz wundervoll geschrieben! Ich liebe das wie du mit den Worten umgehst!!!
    So.
    Aaaaalsoooo:
    Ich fand es interessant was und wie du über den Film schreibst (dein Link Anika geht übrigens nicht) und ich bin jetzt etwas überrascht. Ich hatte überlegt mir den anzusehen, aber habe es dann doch (noch) nicht geschafft.
    An Kritiken hörte ich bisher nur wie bahnbrechend er sei, wie alles dargestellt wird… die Scheuklappen die er NICHT hat… ja, und die großartige Leistung der Schauspieler.
    Bisher hörte ich an Kritiken nur was der Mensch der den Film gemacht hat sagte, oder Schauspieler in Talkshows die den sahen…
    Nun denke ich erneut darüber nach ob es sich lohnt…
    Deiner Kritikfähigkeit vertraue ich eigentlich…

    Hab ein wunderVOLLES Wochenende!
    Grüße aus dem Wald in die Stadt

  2. Hmmmmm.

    Was ich an dem Film so gut gemacht fand, war, dass er wirklich lebensecht und unglaublich authentisch die Gefühle und Reaktionen seiner Protagonisten zeigt. Das bewegt. Und ist etwas, das ich selsbt nicht so gern sehe. Aber eine beachtliche Leistung ist es dennoch.
    Sex stört mich in Filmen sowieso, auch bei jungen knackigen Kandidaten. Von daher musste auch ich dann und wann mal entnervt seufzen.
    Ich würd sagen: Die Idee ist gut, aber die Umsetzung echt gemschackssache. Für meine Begriffe etwas zu langatmig, etwas zu echt und definitiv zu viel Sex.

  3. rumpelwald: na, ich weiß nicht, ob du mir da trauen kannst….kommt ganz auf deinen filmgeschmack drauf an. ich hab schon zwei gute Meinungen gehört, von denen, die mitwaren – ist sehr unterschiedlich.
    vielleicht einfach auf dvd irgendwann ausleihen und dann entscheiden, ob es gut war, oder nicht^^

    anj: selber hm. ja, stimmt, sehe ich auch so. ist eben vieles sehr real. wie eben der omi ins wohnzimmer gucken. und deswegen so langweilig für mich. zu real eben. zu einfach, zu ungelenk. naja. und beim sex sind wir uns ja auch einig..^^

  4. oje, leider kein kommentar-abo-plugin hier bei dir. das ist bei mir immer schwierig. bin so eine, die zu viele feeds im reader hat und da komme ich „per hand“ nicht hinterher. sorry. vielleicht magst du dich ja mal bei mir im blog melden….

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