erster stock links: mit rockzipfel nach schweden

Als ich Anj erzähle, dass ich nächstes Jahr nach Lund gehen will, guckt sie komisch.
Ein bisschen plötzlich ist das schon, aber die ganze vorige Nacht habe ich den wirren Gedanken, nach Schweden zu gehen, mal beim Schopf gepackt. Stundenlang hab ich mit dem Laptop auf dem Schoß im rumrecherchiert, bis meine Augen entzündete Pünktchen waren.
Am nächsten Morgen wache ich mit dem Gedanken an Spaziergänge durch die kleine Studentenstadt auf, und radle in Gedanken an den bunten Häusern vorbei zum Meer. Wenn ich mich ganz doll konzentriere kann ich sogar ein paar Möwen hören.

Schon seit 2 Jahren hat sich die Idee, nach dem Studium auszuwandern, im Hinterkopf eingenistet. Erst mal weg und vor allem: Nach Schweden.
„Aber Du musst dann mitkommen“ habe ich damals zu Anj gesagt und an ihrem Rockzipfel gezupft. „Ohne Dich geh ich nicht.“

Jetzt sitze ich vor ihr und es ist raus. Ich will weg. Aber gefragt, ob sie mitkommen will, habe ich nicht. Die Zeiten haben sich doch auch schon in 2 Jahren geändert. Nach Schweden gehe ich mit anderen Rockzipfel in der Hand, auch wenn es mit ihrem dazu noch ein bisschen schöner wäre. Und außerdem ich trau mich nicht. Ich hab Angst, dass sie nein sagt. So ein nein ist ja nie schön anzuhören. Dann lieber schweigen, und ein bisschen grinsen und sich offensichtlich freuen. „Ach“ sagt Anj verwirrt, „Dings kommt mit?“. Und dann lächelt sie aber und wünscht mir viel Glück, als ich wieder los muss.

Auf dem Weg durch Berlin geht mir Anjs Blick nicht aus dem Kopf. Was, wenn sie jetzt von mir enttäuscht ist? Bin ich unloyal? Hätte ich mich nicht so offensichtlich freuen dürfen? Also schicke ich eine ehrliche SMS und verrate, dass ich sie natürlich gerne mit nach Schweden nehmen würde, wenn sie auch will, aber nicht fragen, weil ich kein nein hören wollte.
Gruselszenarien schwirren mir durch den Kopf, wie sie todtraurig zuhause sitzt und über ihre untreue Freundin flucht, die sie nicht mitnehmen will.

Ein paar Minuten später piepst mein Handy und ich halte ihre Antwort in den Händen.
„Hey, Ich hoffe, dass du nicht böse bist, aber du weißt ja, dass das mit dem Ausland bei mir immer so eine unsichere Sache ist. Und Schweden reizt mich zur Zeit nicht so. Du bist doch nicht böse???“

Erleichterung heißt nicht umsonst was mit leicht. Der Stein in der Brust ist weg.
Ich werde der besten Mitbewohnerin der Welt haufenweise Postkarten aus Schweden schicken.
Und ein Elchbaby.
Bis wir wieder zusammen wohnen.

:

> aus dem zimmer gegenüber: Aus dem Land geliebt

___

in der kolumne erster stock links schreiben ani und anj jeden zweiten montag aus verschiedenen zimmern.

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19 Gedanken zu “erster stock links: mit rockzipfel nach schweden

  1. Schon drollig ihr beiden ^^ Aber so soll es doch auch sein, solche Mitbewohner wünscht man sich :)
    Nach Lund gehts also? Da und in Linköping hab ich mir vor 3 Monaten online ein Stellenangebot angesehen und mir Informationen zuschicken lassen, leider scheiterts an meinen sehr mangelhaften Schwedischkenntnissen :)
    Viel Glück und Erfolg jedenfalls

  2. Mich verschlägt’s im April auch erstmals nach Schweden. Allerdings etwas nördlicher (Smaland) und nur für Urlaub und so. Aber kann ja vielleicht schonmal ’n Gruß von Dir mitnehmen :)
    Mannmann, da haste ja Einiges vor. Ich drück schon mal den großen Onkel ;)

  3. richard: ja, nimm ihn mit und schick ihn mir auf einer postkarte zurück ^^
    (ich kann das mit dem großen onkel dank dir nicht mehr harmlos lesen.)

    f: ja, bewerbungsfristende war der 15. januar.

  4. jens: was haut dich so um?
    Der Entschluss das Hier aufzugeben, da hatte ich das Wann noch nicht so gecheckt.
    Und dann die unbegründete Angst nichts mehr von dir lesen zu können.
    Aber Netz ist ja überall.

  5. furchtlos: naja, nicht mit dem gedanken, für alle ewigkeit zu bleiben. erst mal auf probe für ein, zwei jährchen vielleicht.

    richard: doch hast du aber. ganz doll drin rumgeschmiert. da darfst du dich jetzt ruhig schuldig fühlen.

    jens: das wird nicht passieren. ich werde immer schreiben. aber schön zu hören, dass es jemandem angst machen kann.

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