zwangsgesättigt

zwansgesaettigt

dass wir uns aus den augen verloren haben, war nicht schade. jedes wiedersehen war gut, aber nicht so gut, dass man es vermissen könnte.

doch seit tagen schleicht sich die alte schulfreundin immer wieder in meine gedanken.
ob sie ihre konditorlehre durchgezogen hat, obwohl sie so unglücklich war? und ob sie noch immer ein bisschen babyspeck an den hüften hat? oder noch kontakt zu der einen zeltplatzaffäre von damals?
als wir uns das letzte mal gesehen haben, war es wie die ganzen male davor. so als hätte sich nichts verändert. zwischen uns wars wie immer, obwohl wir beide ganz unterschiedliche wege getrampelt haben. und dann wieder verabschiedet, ohne tränen in den augen.

aber jetzt ist anna wieder da in meinem kopf und anstatt nur vor mich hinzufragen, wie es ihr wohl geht, will ich sie wieder sehen und ein bisschen die letzten jahre aufarbeiten.
ihre mailadresse war irgendwie girlie, irgendwas mit maus oder pupsi oder so. aber mein mailprogramm findet sie nicht.
huch, das könnte ja sogar spannend werden, denke ich und spinne in meinem kopf eine wilde suchgeschichte. vielleicht muss ich am ende die truhe auf dem flur aufschließen, meine alten freundschaftsbücher hervorkramen und die nummer ihrer eltern raussuchen und dann bei denen mein glück versuchen? das klingt schön romantisch in der web-2.0-zeit.
unerreichbarkeit und unauffindbarkeit als äußerst seltener luxus.

dann aber kommt mir der einfall, auf eine sehr bekannten seite nachzuschauen, in die sich nicht nur studenten eintragen. und promt wird mir annas profil beim ersten suchdurchlauf angezeigt. die kurze findefreude wird etwas getrübt, da ich nun meiner aufregenden suche nach alten schulfreundinnen beraubt bin. aber wer kann solche lustigen überecksuchgeschichten mit einer gehörigen portion zufall noch erwarten im zeitalter von besagter seite. immerhin kann ich anna nun schreiben, dass ich sie treffen und hören will, wie es sich so gelebt hat.
aber bevor ich auf den button „nachricht schicken“ klicken kann, überfällt mich ihr profil.

dass anna einen freund hat und sich die haare wieder lang wachsen lässt, keinen babyspeck mehr an den hüften aber ihre brille noch trägt, in der gruppe „ich bin sensibel, du arsch“ ist, ihr abitur nachmacht, 64 freunde hat und noch bei ihren eltern wohnt, wird mir sofort vor die füße geschmissen.

ich klicke auf „nachricht schreiben“.
der cursor blinkt eine weile im leeren feld. dann schließe ich das fenster und klappe den laptop zu.
was soll ich noch fragen.
es steht ja alles da.
wo sie die letzten jahre urlaub gemacht hat und welchen bikini sie dabei getragen, und dass sie die selbe bluse wie meine wg-freundin hat, weiß ich jetzt auch ganz genau.

ich hatte mich darauf gefreut, sie bei einem kaffee nach einer weile und du so? zu fragen, mich zurückzulehnen und mir eine schöne geschichte erzählen zu lassen. mit höhepunkten und händefuchteln und spannungsbogen und knackigem kaffeeklatsch über ach was wohl ute und die anderen so machen.
aber anna ist mit allen online befreundet und auch ich bekomme regelmäßig auf die pinnwand geschrieben, wer was wann gemacht hat. ute ist jetzt verheiratet, franzi in australien und jana hat ihre ausbildung abgebrochen.
meine neugierde ist zwangsgesättigt – wie wenn man sich schnell eine trockene scheibe brot in den mund stopft, um den hunger zu stillen.
erfüllt den zweck.
aber es schmeckt nicht.

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11 Gedanken zu “zwangsgesättigt

  1. Sehr treffend formuliert, Frau Baldinschweden! Dein Gedankengang und meiner könnten beinahe Zwillinge sein. Es gibt nur einen sehr überschaubaren Kreis von Menschen, bei denen ich ständig gerne wissen möchte, welchen Kuchen sie gebacken, welches Lied gehört oder welche Beziehung sie beendet haben.
    Ansonsten halte ich diese Fast-Food-Bekanntschaften (erst mal schnelle Befriedigung des Gelüstes Neugier, dann aber schnelle Sättigung und letztlich wieder Leere) für keinen allzu großen Segen. Deshalb bin ich trotz mehrfacher Einladungen zu wekawe und Anderem bislang auch standhaft geblieben und verweigere mich stündlichen Bulletins und Zwitschereien.
    Wo bleibt dabei die Neugier, das Abenteuer, die Möglichkeit des Zufalls? Wo bleibt meine eigene Erinnerung, so subjektiv und gefärbt sie womöglich auch sein mag, wenn sie ständig zwangsgeupdated wird?

    Ich denke, vielen wird das in nächster Zeit auch noch auffallen…

  2. Sehr schön geschrieben. Toll, dass auch längere Blogtexte mal unterhaltsam sein können :-)

    Schade um Annas Geschichte, aber wenn sie sich so sehr auf besagter Studentenseite preisgibt, dass man sogar ihre Badeklamotten kennt und wer der Bruder ihres Freundes ist, dann macht das Anna auch ein bisschen weniger sympathisch… (find ich)

    PS: da fehlt noch ein kleines P’chen bei „PromPt“ ;-) (Du musst das mit mehr Power aussprechen, mit ordentlich Plosiven. Oder woltlest du lieber ein schmeichelweichsanftes „promt“ ohne zweites P?)

  3. Ich selbst finde es auch immer blöde, wenn Leute im Netz alles über sich Preis geben. Doch ist es nicht trotzdem etwas einfach nur aufgrund der gelesenen Eckdaten ein Treffen mit weiteren Fragen ausfallen zu lassen. Ihr könnt euch doch trotzdem treffen, in alten Zeiten schwelgen und du könntest nachbohren, ob es immer noch ihr Lieblingsbikini ist, ob der Freund ein lieber Kerl ist, wieso ihre Haare wieder wachsen sollen und was sie so für ihre Zukunft plant. Ich wette, da vergeht bei einer Tasse heißer Schokolade oder/und einer Waffel mit heißen Kirschen viel Zeit. Am Ende bist du glücklich, dass du dich hast von den harten Fakten nicht abbringen lassen. Und ihr freut euch auf ein Wiedersehen in ein paar Monaten zum neuen Datenabgleich. Also los!

  4. patrick: dankeschön:-)

    anj: das klingt ja so, als hättest du schlechte erfahrungen gemacht mit langen beiträgen?

    lord: na, ich will es gar nicht verhexen, also bitte: frauvielleichtbaldinschweden.
    wer weiß, wer mir da striche durch die rechnung krakelt. und, ja: dein letzter satz: ich hoffe es

    kassio: ja, da geb ich dir recht. (ich habe in dem artikel auch nicht alles verraten)

    f: ja. hätte ich mal.

  5. Und gerade jetzt freu‘ ich mich wie Bolle, dass ich mich vor einer Weile aus den ganzen „ich finde dich, ich kenn dein Profil, ich weiß jetzt wie du tickst“ Platformen gelöscht habe. Wenn mich jetzt jemand treffen will, muss er meine Eltern anrufen. Find‘ ich gut.

  6. Keiner meiner engsten Freunde liest mein Blog oder Getwitter. War mir jetzt nie so wichtig, aber ganz verstanden habe ich es auch nicht. Schön, jetzt zumindest selbst einen guten Grund zu kennen, warum es vielleicht ganz okay so ist, wie es ist.

  7. Fluch und Segen des web 2.0. Ich war mal sehr glücklich, als eine alte Studienfreundin mich über die Website meines damaligen Arbeitgebers wiedergefunden hat. Wir hatten mehrere Jahre keinen Kontakt, und da wir beide umgezogen waren, hätten wir uns vermutlich so leicht nicht wieder gefunden. So aber konnten wir unsere Freundschaft auffrischen und haben bis heute engen Kontakt.
    Aber das ist natürlich auch eine andere Art der Informationsfindung als in einer der einschlägigen Communities. Da kann so eine Entblößung tatsächlich sehr ernüchternd sein.

  8. frl. blume: und vor allem auch die eltern, die dann wieder was zu erzählen haben ^^

    giardino: meine familie liest mit. da bleibt dem blog dann auch so manche bösigkeit erspart, was vielleicht ein bisschen schade ist, manchmal.

    katharina: ja, solche wundergeschichten gibt es immer wieder. und immer sind solche wer-kennt-wen-seiten ja auch ein florierendes partnergeschäft… da gibt es ja so manche liebesgeschichte…

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