endlich einmal etwas das länger als vier jahre hält

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Dass es ihm reicht, mit seinen Freunden per Internet zu freundeln, war das Traurigste, was ich je gehört habe. „Was soll mir da schon fehlen?“ hat er ein bisschen provokativ gefragt „Wir können uns jeden Tag schreiben.“, und ich konnte nur den Kopf schütteln.

Wenn Freunde nach und nach wegziehen oder man selbst der Heimatstadt die Nase dreht und wegwandert, wird es immer schwieriger, einander nah zu bleiben. Sicher sind Freundeskreisblogs oder Twitteraccounts eine tolle Möglichkeit auch Winzigkeiten wie runtergefallene Schokobrote oder kleine Depressionen der anderen mitzukriegen und über alle Baumgrenzen hinweg sich doch noch kennen zu bleiben.

Aber so richtig echt fühlt sich das trotzdem nicht an. Ein bisschen, wie eine Pappfigur der Freundin im Zimmer zu stellen, die ab und zu lustige Sachen sagt.
Das echte Freundschaftsgefühl bleibt dann irgendwo zwischen den html-Zeilen stecken. Das Fehlende kann einem keine einzige getippte Zeile geben. Das Gefühl, sich nach viel zu langer Zeit wieder in den Armen zu liegen, bewundernd die Lebenswendungen anzuschauen, die abgeschliffenen Dielen anzufassen. Mit den geborgten quietschrosa Socken drüberzuschlittern und dabei eines der zugewachsenen Fellmonster zu erschrecken, die jetzt zur Freundesfamilie gehören.
Fast unbeschreiblich ist es, endlich anzukommen, wo man nie war, sich heimisch zu fühlen in einem Haus, das man nicht kennt und sich wieder gutenachtumarmen zu können.

Da kommt einem das achsosoziale Internet wie der letzte Dreck vor, wenn man zusammen am Sonntagsfrühstückstisch sitzt und die letzten Löffel Erdbeerjoghurt auskratzt, während man die Beine hochlegt und etwas peinlich berührt dem Muskelkater nachspürt. Muskelkater von dem zweistündigen Spaziergang an der Elbe, mit feuchten Wind und Wetter einer Stadt, die nahe am Meer liegt und dem Gefühl, wieder 16 und auf einer Klassenfahrt zu sein.
Nebeneinander herlaufen, die angewachsene Distanz zwischen sich zertreten und wieder über alles kichern und reden können, so – ja so wie damals denkt man und fühlt sich doch eigentlich zu jung dafür, schon von damals zu denken.

Ein ganzes Wochenende dauert der Zauber, der wieder in die Offlinewelt gezogenen Freundschaft. Danach fährt jeder seiner Wege und auch wenn man weiß, man wird sich jeden Tag im Netz schreiben, ist es doch, als trenne man sich voneinaner.
Und das ist es auch. Eine Trennung, ein Abschied vom Anfassen, sich durch die Haare fahren, morgens zusammen Märchen gucken und Eis essen, bis man schwanger geworden ist und vergleicht, wer den größeren Babybauch hat, vom Zusammen nichts tun und dabei grinsen. Einfach, weil es so schön ist, sich wiederzusehen.

Diesem lebendige Miteinandersein wieder den Rücken kehren zu müssen ist wie eine angebrochene Lieblingsschokoladentafel nicht zuende essen zu dürfen. Und auch, wenn der anfangs erwähnte Bekannte an dieser Stelle jetzt hämisch grinsen mag und sagen, dass ihm dieses böse Abschiedsgefühl nicht wiederfahren kann, so ist es doch etwas, von dem ich dankbar bin, erleben zu müssen.

Denn noch bestehen unsere Beziehungen nicht nur aus tweets, chatnachrichten und Blogeinträgen und Freundeslisten, die man löschen und erweitern kann, wie einem der Sinn steht. Noch können wir über unsere virtuellen Beziehungen hinwegklettern und ins Leben hopsen. Noch tut es weh, weil man sich vom Wiedersehen verabschiedet weil es eben nicht dasselbe ist, sich täglich das Netz zu teilen.

Dieses Gefühl wünsche ich dem Bekannten. Es wischt die Staubschicht vom Leben und lässt das Herz höher schlagen. Auch, wenn es gar nicht so leicht ist, wieder wegzugehen, wenn man einmal angekommen war.
Aber man weiß, dass es halten wird. Und man sich wiedersieht.

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endlich einmal etwas, das länger als vier jahre hält (tomte-endlich einmal)

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20 Gedanken zu “endlich einmal etwas das länger als vier jahre hält

  1. Tja, in Zeiten in denen sich Freundschaft für viele über eine gewisse Anzahl an Hyperlinks definiert, finde ich das ein schönes Statement!
    Obwohl ich selbst eher nicht so der „networkende“ Typ bin: Wenn ich mit so vielen Leuten die ich bei gewissen Onlinediensten kenne, wirklich etwas zu tun hätte…. Ich glaube mit den meisten wüsste ich nicht mal ein Wort zu wechseln. Daran merkt man ja schon, dass das Ganze im wahrsten Sinne des Wortes „aufgesetzt“ ist.

  2. Traurig nur, wenn das der Freund so sieht und solche Sachen sagt („wir können uns doch jeden Tag schreiben“), damit man beim Abschied nicht ganz aufgelöst ist. Dann möchte man den Betreffenden gern schütteln und schreien, dass das nicht das Selbe ist.
    Aber danke für den Text, das fühlte sich gut und warm und verstanden an :) – da musste ich mal kommentieren.

  3. So siehts aus und das hab ich schon mehrfach erlebt. Auch wenn ich notgedrungen viele Kontakte übers Netz am Leben erhalten muss ersetzt es doch nicht die Wirklichkeit und das was ich erlebe wenn wir uns wieder außerhalb von Bits und Bytes sehen. Eine Beatmungsmaschine kann eine Spontanatmung nur imitieren, nicht ersetzen um mal einen krassen Vergleich zu ziehen ;)
    Vielleicht ist das der Grund warum viele meiner alten Freunde mir nicht so oft schreiben aber trotzdem am Wochenende einfach da sind, wie es immer war, wenn ich nach langer Zeit endlich wieder zuhause bin und ich dasselbe für sie tu :)

  4. da haben wir aber alle schön einheitlich sprechende herzen. das ist doch mal was.

    anj: wer weiß. oder eben andere, die unserem verständnis von freundschaft nur nahe kommen..?

    kassio: wenn ich meine wange gegen den bildschirm drücke und du deine, dann könnte das doch sogar fast klappen;-)

    Patrick: ja, das klingt nach schönen beziehungen. mir fehlt allerdings dann immer der kontakt zwischendurch, wenn man sich nicht schreibt. das ist irgendwie komisch…

  5. Dafür haben wir inzwischen das Telefon entdeckt ( jaaaa … und trotzdem hasse ich es noch …. irgendwie ^^), was jedoch auch etwas meiner knapp bemessenen Zeit verschlingt. Aber es gibt einen wunderbaren Sündenbock ab, klingt ja auch viel besser wenn man sagen kann dass man ein „wichtiges Gespräch“ führen musste ^^

  6. Als ich damals meinen heimatort verlassen habe, war mir auch ganz komisch und wir wollten uns immer wieder treffen. das ging am Anfang auch gut. Aber dann verblieb das nach und nach. „Aus den Augen aus dem Sinn“ heisst es ja so schön :)

  7. patrick: ja das telefon. man traut sich immer nicht so richtig, aber wenn man nach einer stunde auflegt, hat man meist rote ohren und wangen und ein gutes gefühl.

    ecki: und das klappt dann manchmal durch blogs interessanterweise. keine mails zwar, aber immerhin ein lebenseinblick und manchmal ein kommentar. manche beziehungen halten sowas besser durch.

  8. @ Ani zu deinem letzten Kommentar…
    Das Schön-Schlimmste ist, wenn sich der Blogger längere Zeit nicht mehr in seinem Blog blicken lässt…
    Auch wenn man ihn nicht persönlich kennt, vermisst man ihn und fragt sich, wie es ihm geht…
    Hat irgendwie was melancholisch-verrücktes ;-))
    Ist aber so :-))

    Aber das echte, berührbare Leben… das ist das, worauf es ankommt!! :-))

  9. Huhu,
    hab auch Freunde im Norden und kenne das Gefühl des Sich-endlich-Wiedersehens sehr gut. Man würde am liebsten den anderen in sich aufsaugen, damit noch lange was von der Nähe bleibt.

    Sehr schöner, melancholischer Text…

  10. Liebe Anika,
    dieser Text ist einer der schönsten und traurigsten den ich jemals gelesen habe!
    Was ihn so schön macht ist klar: Deine Art zu schreiben, deine Art Geschichten in Worte zu kleiden, deine Art Dinge festzuhalten…
    Und traurig: Hm… du schreibst mir aus der Seele. :(
    Ich wohne – noch – in einer Studentenstadt. Die Leute wechseln den Studienort, oder ziehen weg weil sie fertig sind. Mir bleibt das Netz.:( Nicht viel mehr als das Netz und das Telefon… Und es macht mir Angst. Freunde kann man ja nicht einfach eintauschen. Hat neulich jemand so locker flockig gesagt „Such dir einfach neue“ Achso… wie konnte ich denn das vergessen. *grummel*
    Dein Text ist so wahr und traurig und schön und voller Sehnsucht, Hoffnung und Verlustangst… Er ist das LEBEN.

    Hab einen SCHÖNEN Sonntag Anika!
    Grüße aus der Rumepelwelt

  11. @ Rumpelwald – das versteh ich sehr, sehr gut… weil ich eine von denjenigen bin, die weggezogen sind… Glaub mal, es ist genauso wie du jetzt denkst :-//
    Und neue Leute finden, die so sehr das Herz bewegen,… *Kopf schüttelt* Ist nicht so leicht und Anis Text hat genau diese Sehnsucht wieder wachgerüttelt.
    Und auch gleichzeitig eins klar gemacht: lebe intensiv!! Genieß die Momente, die du mit „deinen Leuten“ hast :-))

  12. Ja, zwischen virtuellen Zeilen geht viel verloren. Nicht nur, dass das Zusammensein fehlt, man verliert den Bezug, wenn jeder in seinem eigenen Leben steckt.
    Doch „richtige“ Freunde findet man überall, es dauert einfach bis man sich so nahe ist, dass man „zusammen am Sonntagsfrühstückstisch sitzt und die letzten Löffel Erdbeerjoghurt auskratzt, während man die Beine hochlegt und etwas peinlich berührt dem Muskelkater nachspürt“.

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