Als ob er endlich geweint hätte

stuehle_am_meer

Als er an sich hinunter blickte, war er erstaunt, keine Löcher zu finden. Die letzten Wochen fühlte sie sich, als ob sich ihr jeder Punkt seiner Liste langsam in die Haut brannte und dort anfing, sich mit den fauligen Erinnerungsflecken zu vermischen. Jeden Tag wurde es ein hässlicher Fleck mehr und die bestehenden wurden dunkler. Irgendwann fühlte er sich so erdrückt, dass er es kaum noch mehr vor die Haustür schaffte. Im Kopf schwirrten all die Unerledigkeiten umeinanderkreisend herum wie wütende Hornissen und verknäuelten sich immer fester mit der Verlustangst. Er bekam Kopfschmerzen auf der linken Seite. Dumpf und pochend und sie versuchte, den Aufgabenkloß hinunterzuschlucken, doch er blieb ihr im Hals stecken.

Bei ihrem letzten Versuch, den Kopf frei zu kriegen mit einem Spaziergang war sie nicht weiter als bis zur Haustür gekommen und hatte sich auf den Vorsprung gesetzt. Den Kopf an die Hauswand gelehnt bildete er ein überraschendes Hindernis für alle, die rein oder raus wollten. Fast alle stolperten erschreckt.

Nur seine Nachbarin, die ältere Frau mit dem gutmütigen Gang schien einfach zu langsam für einen erschreckten Hüpfer. So sagte sie nur Na na mein Mädchen, und machte eine Handbewegung, als ob sie ihm über den Kopf streicheln wollte. Dann aber stieg sie wankend die Treppe hinab, den linken Arm ausgestreckt, um im Falle an der Hauswand Halt zu finden. Er sah ihr nach, wie sie ihren Einkaufsbeutel an sich gepresst um die Ecke bog. Vor wenigen Wochen noch war ihren schlurfenden Schritten ein kleiner Pudel gefolgt, immer ein bisschen langsamer.

Er seufzte und ließ den Kopf in die Hände sinken und vertiefte sich in die Gerüche der Straße. Auch, als sich der Himmel zuzog, blieb er sitzen und saß einfach da, als es anfing, zu regnen. Es gefiel ihr sogar ein bisschen, nasse Wangen zu bekommen, als ob sie endlich geweint hätte. Aber da waren keine Tränen, nie – versiegt nach ihrem fünften Geburtstag. Nasse Füße, als wäre sie beherzt in eine Pfütze gesprungen. Nasse Hände, wie wenn sie ganz in die Badewanne eintauchte. Der Regen ging ihr an die Nieren, ans Herz und erreichte schließlich seinen Kopf. Wie betäubt beobachtete er die tropfenden Strähnen vor seinen Augen und die Muster auf ihrer Hose.

Als der Regen aufhörte stand das Mädchen, das den ganzen Tag fast reglos auf der Steinstufe gesessen hatte auf und lief los. Schießlich bog sie um die Ecke und das Mädchen am Fenster konnte sie nicht mehr sehen. Sie fragte sich, wohin er gehen und sich wieder setzen würde. Woran sie ihren Kopf wieder lehnen und die Füße aufstellen würde. Leise schloss sie ihr Fenster und steckte ihren Schlüssel ein. Dann hörte ihre Nachbarin, wie die Tür zugezogen würde und jemand die Treppe hinab stieg. Hinaus.

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2 Gedanken zu “Als ob er endlich geweint hätte

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