Vancouver ist doof.

Donnerstag, 29. Oktober , 2009 von Anika

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Die Freundlichkeit der Leute trifft Dich als Deutsche hart ins Gesicht. Wenn Dir der Tankwart breit lächelnd ein „wonderful weekend“ wünscht und Du lachst und dann merkst, dass er es wirklich ernst meinte, findest Du, dass Du nicht hierher gehörst.
Du musst Dir schleunigst eine Alternative für ohwowthisissocool ausdenken, weil es Dir mehr als dreimal am Tag aus dem Mund schlüpft. Beim Essen, beim Spazierengehen, beim Einkaufen.
Du wirst ab jetzt immer ein bisschen dümmer aussehen, weil Deine Augen ein Stück größer geworden sind. Weil Du es einfach nicht fassen konntest, Dich nicht sattgucken am Wald, den bemoosten Bäumen die echt so aussehen wie im Märchen, an den Farnen, der riesigen Natur um Dich herum, den Stränden mit angeschwemmten Holstämmen über die Du kletterst und an Deine Kindheit denkst und dann springst Du auch noch mit nackigen Füßen über Steine im Meer und könntest den ganzen Tag nur im Wald sitzen, an einen Baum gelehnt, den Blick in die Wipfelhimmel, zu Deinen Füßen zwei Squirrels und darauf warten, dass Dir Feenflügel wachsen. Schrecklich. Stell Dir vor, wieviel Arbeitszeit da drauf geht. Was man in der Zwischenzeit nicht hätte alles tun können. Und außerdem hängen an den Bushaltestellen keine Busfahrpläne.  Furchtbar. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Furchtbar.
Die Geschichte der Hochzeit des Schwiegersohnes und sämtliche Familienprobleme des Flugnachbars und zwei schlechte Filme lang ist Vancouver weg von Berlin.
Du wirst Deine Freunde und Familie wirklich vermissen.

Vancouver ist echt doof.

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unter die nase geriebenes

Dienstag, 15. September , 2009 von Anika

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Es gibt ja so Sachen, die macht man einfach nicht. Das letzte Stück Schokolade dem kleinen Bruder wegnehmen, sitzen bleiben, obwohl die Omi einen schon mit dem Krückstock auffordernd angestupst hat, ins Schwimmbecken…spucken, die auf Vertrauensbasis ausgegebenen Spreeschnittchen nicht bezahlen, mit Fingernägeln am Fenster entlangkratzen, sagen, was für ein hässliches Baby du da hast, und anderen Sachen unter die Nase reiben, bis sie grün werden im Gesicht.

Aber manchmal bin ich einfach böse. Tut mir leid.

Teufel tritt auf.

Ich hab es ja so gut.
Ich muss neun Tage lang nicht arbeiten, nicht Berlin ertragen und Regen, grauen Regen und deutsches Gejammer.
Ich flieg ja in ein paar Tagen nach Kanada, nach Kanada, nach Kanada!
Und alle anderen müssen im stinkigen Zuhause bleiben. (hämisch flüsternd)
Ich flieg nach Vancouver! In die beste Stadt der Welt, in der man morgens Segeln, abends Skilaufen und mittags Cocktailtrinken gehen kann oder so. In der es 11 Strände, 150 Parks, mindestens einen Buddhist Temple, zwei Hängebrücken, ein Labyrinth, und echten Regenwald gibt.

Ich fahr nach Kanada, nach Kanada…

Teufel ab (singend).

Ich schreib Karten und mach Fotos.

Prinzessin auf dem Plastestiel

Donnerstag, 10. September , 2009 von Anika

Es betrifft Produkt: Bonduelle Erbsen mit Möhrchen sehr fein L9 198 049 37 07:26

Sehr geehrte Damen und Herren,

stellen Sie sich einmal folgendes vor: Da machen Sie sich zur Abwechslung mal ein schönes Abendessen. Kochen so richtig – Mischgemüse mit Omas Mehlschwitze verlernt man einfach nicht – dazu Steak und Knödel und machen es sich vorm Laptop gemütlich. Sie essen ein paar Happen und dann kracht es zwischen Ihren Zähnen. Erschrocken spucken Sie aus, was gerade in ihrem Mund war und ungläubig halten Sie ein Stück grün-lila Hartplastik in der Hand und betastet mit der Zunge fühlend, ob auch ja nichts abgebrochen ist vom Zahn. Immer noch fassungslos stochern Sie im Essen und durchwühlen es nach weiteren Gefahrenquellen. Schön sieht das jetzt nicht mehr aus. Und kalt ist es auch noch.
Liebe Bonduelle-Menschen so haben Sie sich ein schönes endlich-mal-wieder-schön-Abendessen nicht vorgestellt, richtig?
Ich auch nicht.

Darum würde ich Sie bitten, ihren Qualitätsspruch „garantiert & kontrolliert“ doch ein wenig ernster zu nehmen und mal etwas genauer hinzusehen – wenn nötig setzen Sie eine größere Brille auf – ob sich da zwischen Erbschen und Möhrchen nicht vielleicht noch mehr Plastehenkelstückchen, ehemalige Spielzeugautos oder andere Dinge, die einem schon mal in einer Gemüsemischung verloren gehen können – versteckt halten.

Obwohl ich jetzt natürlich anfangen könnte, zu sammeln.
Und am Ende vielleicht die ganze Tasse in den Händen halten würde.
Aber eigentlich – eigentlich habe ich auch so schon genug davon im Schrank.

Mit zahnwehenden Grüßen,
Anika Lindtner

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Stolz

Mittwoch, 9. September , 2009 von Anika

Was kannst Du denn dafür? Was hast Du dafür getan?
Dass Du hier geboren bist? In einem Land, in dem zufälliger Weise kein Krieg herrscht und keine Hungersnöte und keine Diktatur? Was kannst Du dafür, dass Du hier nicht verfolgt wirst, dass Du nicht fliehen musstest, dass Dir Deine Bildung auf dem goldenen Teller präsentiert wird, dass Du nur zugreifen musst, wenn Du willst? Was kannst Du denn dafür?

Nichts! Absolut nichts.
Also halt die Klappe und steck Dir Deinen Stolz ein Deutscher zu sein, Dein gottverdammtes Vorrechtsgefühl sonstwohin.

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Und fang an, in Grund und Boden zu versinken.

maroo

Montag, 7. September , 2009 von Anika

die füße über den bettrand baumelnd, musste kasimir niesen und schüttelte die neunuhrsonne aus seinem gesicht. sie hatte mit ihren langfingern durchs fenster an seine nasenspitze gegrabscht.

er sprang auf den holzußboden und zupfte sich einen gedanken vom kopf, der ihn hinter seinen ohren gekitzelt hatte. kasimir blies ihn von seinem zeigefinger und beobachtete, wie er neblig durchs zimmer schwebte.
und schließlich ein kleines m in die staubige luft malte.

Gegengift

Donnerstag, 3. September , 2009 von Anika

Ob meine Oma es merkt, wenn ich das nächste Mal Wattebällchen in den Ohren trage beim Telefonieren?

Draußen

Sonntag, 30. August , 2009 von Anika

schattenspiel

Wenn ich den Kopf hängen lasse, kann ich noch den Geruch in den Haaren wiederfinden.
Nach wie-damals riecht es, obwohl es mein erstes Mal war.
Ich streiche immer wieder über die Deckel. Nicht ohne ein wenig Stolz in den Fingerspitzen. Ein bisschen mehr sogar.

Im Roman müsste ich mich jetzt aufs Bett fallen lassen, die Augen schließen und schon kämen die Bilder der vergangenen Tage zu mir. Wie als wenn es gestern gewesen wäre. Aber es ist heute gewesen und das mit den Bildern funktioniert auch mit geöffeten Augen prima. Auch beim Eisessen und Zähneputzen. Im Film wären jetzt Amateurvideoimitierte Szenen zu sehen. Überbelichtet und mit wackelnder Kamera und mit Lachen im Hintergrund. Die Bäume würde man sehen, einen Feldweg und die tiefhängenden Zweige. Drei Menschen, die mehr und weniger hüpften, um ran zu kommen an die Früchte. Ein ungelenker Schwenk in den Himmel, und die Kameralinse würde ein paar hübsche Regentropfen einfangen. Gegen die Sonne.
Schnitt.
Nun eine Portraitaufnahme eines Mädchens mit Zopf, das lachend sich durch die Zweige kämpft, ab und zu aufschreit, aber dann durch das Blätterdach weiter oben zu sehen ist. Triumphierend und die Hände den hoch hängenden Ästen entgegengestreckt. Schnitt.
Volle Körbe getragen von rotwangigen Menschen. Wieder ein überbelichteter Kameraschwenk und die Musik im Hintergrund wird lauter. Schnitt auf saftnasse Hände mit Obstmessern und entkernten Kernen. Auf die vollen Backbleche, auf eine warm erleuchtete Küche, in deren Ofen etwas geschoben wird. Vielleicht wird noch ein flauschiges Katzenbaby im mit Kissen ausgelegtem Korb neben dem Ofen gezeigt, um sich Sympathien beim jüngeren Publikum zu sichern.
Ich schaue mir die Polaroids an, denn anders als im Film behalte ich meine Erinnerungen nicht nur im Kopf. Streiche die umgeknickten Enden glatt und werfe einen Blick auf meine zwei Gläser.
Ein Huckepackbild schwebt durch meinen Kopf. Ein schwankendes Monster mit zwei Köpfen.
Ein, drei, sechs Früchte, die es nicht an dem Mund vorbei in die Schüssel geschafft haben.

Die Stadt draußen vor meinen Fenstern wartet noch ein bisschen, bis ich wieder angekommen bin. Obwohl es ihn einen feuchten Kehricht interessiert, würde im Roman der Mond jetzt durch das ungeputzte Küchenfenster blinzeln und mit seinem blassen Licht zweimal den selben Schriftzug erhellen.
Pflaumenmus 08/09.

Schnitt.

wunderbarbar

Sonntag, 16. August , 2009 von Anika

bank_see

hundert kleine pflasterplastestreifchen hast du schon abgezogen und in den mülleimer geworfen. unzählige kleine wunden und kratzer, risse und bläuliche fleckchen kriechen über arme und beine. wer mit dem monster spielt. manchmal gibt es die raue zunge auf der wange und manchmal beißt es dir in den zeh. jedes mal wischst du die bluttröpfchen ab und ziehst ein pflaster aus der hosentasche. die mit den weißen punkten drauf und die immer die klebespuren hinterlassen. die auch schon deine oma immer dabei hatte. knuffig ist das monster anzusehen. mit großen augen, gerundeten bäckchen und einem kugelbauch. aber wenn du dich einen moment zu lange sonnst, beißt es dir in die hand, die es die letzten stunden gern gehalten hat. noch zwei plastestreifen mehr im müll dieser welt, denkst du und beißt die zähne zusammen. das kleine monster gluckst und streicht dir über die wange.

am nächsten morgen wachst du auf und dein linker zeh tut weh. auch dein rechter zeigefinger und beide ohrläppchen. das monster steht am fenster und guckt zwischen den vorhängen den autos nach. ein haarbüschel liegt neben deinem ohr. etwas panisch tastest du mit der linken hand nach deiner hose, die nachlässig auf dem boden liegt. du ziehst sie mit dem stöhnen der anstrengung des verschlafenen morgens an dich heran und gräbst nach ein paar pflasterstreifen. dabei berühren deine gesunden finger das erste mal den hosentaschenboden. während du nicht genau weißt, welche wunde du dir zuerst lecken sollst, denkst du das erste mal daran, was passiert.

wenn du einmal mal keine pflaster mehr hast.

zauberei

Mittwoch, 5. August , 2009 von Anika

wenn worte in anderen köpfen bilder werden und die eigenen übertreffen.

bluemonster
gemalt, gezaubert, worverwandelt von kassiopaia zu once in a bluemoon.

once in a bluemoon

Freitag, 17. Juli , 2009 von Anika

monster2

wenn es schnauft beim gehen, wenn es zu müde ist, den arm auszustrecken für die zum greifen nahe gekomenen wunscherfüllung, wenn die schultern zittern, wenn das eine auge schon zufällt und das andere ohr nur noch mühsam zuhören kann, wenn es kein eis mehr will und keinen schokoriegel und keine lakritze, wenn es zurückippt beim anlehnen, und an den lippen hängen, dann nimmt man das grüne monster einmal selbst auf die schmalen schultern und lässt es seinen schweren kopf anlehnen. schlafen. dann geht man mit einem schniefen im ohr, einem herzschlag im rücken und fingern im haar auf dünnen beinen für zwei. zittrig. ohne einzuknicken.
bis es wieder aufwacht.

Ein Sonntagabend im Juli

Sonntag, 5. Juli , 2009 von Anika

Es braucht nur sieben Spritzer Spülmittel, drei mal Händeeincremen, zwei Schwämme, dreimal Abtrocknen, zehn Teller, gefühlte einhundert Müslischalen, einen Staubsauger, einen wasserverbrannten Finger, einen nassen Fuß, eine verrostete rostfrei-Reibe, zwei Geschirrtücher, ein Holzbrett, fünf Töpfe, eine kleine Pfanne und vier handvoll Besteck. Das alles nach Haupt- und Nebenrollen verteilt in einer Geschichte vom Eintunken, Auswischen, Abstellen und Abtrocknen, bis man endlich sagen kann:
Sie kenne ich doch irgendwoher. Haben wir uns nicht hier schonmal getroffen? Küche der Name? Aha. Schön, Sie endlich kennenzulernen.
Ich hab ja schon so viel von Ihnen gehört.

.strauß

Sonntag, 28. Juni , 2009 von Anika

blog_mann_blumen

Wann haben Sie Ihrem Freund das letzte Mal Blumen geschenkt?

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abendbrot

Dienstag, 23. Juni , 2009 von Anika

durch das fenster sah man kasimir und maroo schlafend
auf den küchendielen liegen.
die hände noch sanft auf dem dicken bauch des anderen.
streichelnd eingeschlafen.
um sie herum, schimmernd im mondlicht wie hundert gerissene perlenketten
lagen süßkirschkerne.

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kopfbilder

Mittwoch, 17. Juni , 2009 von Anika

wassertrog

Im Dunkeln wurde es interessant. Wer nicht zufällig seine Taschenlampe in die Gürteltasche gestopft hat, musste von Bühne zum Zelt noch versuchen, ein höllisch gefährliches ZeltSchnurlabyrinth hinter sich zu bringen – mit möglichst unbeschadeter Nase. Fast unschaffbar, wenn Zelt an Zelt an Zelt an Zelt steht und man den Nachbarinnen eine gute Nacht wünschen kann, indem man die Hand aus dem Zelteingang streckt.
Endlich im Zelt angekommen heißt allerdings noch lange nicht endlich im Schlafsack drin. Bis dahin vergehen noch gefühlte Stunden mit Verrenkungen, ans Zelt stoßen, die Schräge hinabkullern und die zweite Kontaktlinse einfach nicht mehr finden. Irgendwann aber ist man dann doch drin und merkt, was es heißt, im Schallbereich der Bühne zu zelten.
Mit knautschigen Knien, dem Rücken einer 77jährigen, komisch halbtauben Ohren und kältegefrorenen Zehen liegt man da und versucht es sich auf dem Klangteppich irgendwie gemütlich zu machen. Immer mal wieder tönt es „Helga“ durch die Nacht. Doch meine Hand greift nicht zu den extra schaumweichen, hyperanpassungsfähigen und ausrollbaren Ohrtöpseln, die eine verkaufstüchtige Apothekerin an mich losgeworden ist. Denn obwohl ich einen Ruf als lärmempfindliche Schläferin habe, säuselt mich das Wummern und Musiken der Party wie zehn süße Spielzeugmelodien in den Schlaf. Nichts stört mich. Ich träume sogar gut. Dass ich am nächsten Tag trotz Rückenschmerzen und leichter Übelkeit mit einem Grinsen im Bauch mir am eiskalten Wassertrog die Zähne putze, und in Erinnerung noch zum Jeans Team tanze, kann nur eines bedeuten: Mein erstes Mal immergut hat es mir angetan. Ich bin total verknallt.
Und würde es jederzeit wieder tun.

immergut 3

immergut 3

immergut 3

immergut 3

immergut 3

immergut 3

immergut 3

das erste mal ist immer gut

Mittwoch, 27. Mai , 2009 von Anika

immergut_3

Ohropax muss ich kaufen, Mückenspray darf ich nicht vergessen und erst recht nicht Sonnencreme und die Polaroidkamera. Den ganzen Tag laufe ich immer wieder ein paar Minuten mit der Lippe zwischen den Zähnen durch mein Zimmer und murmele vor mich hin. In drei Tagen heißt es für mich das allererste Mal: Festival. Das erste Mal Musik zum Aufwachen, Einschlafen und Mithüpfen.

Gummistiefel? Badesachen.

In meiner ach-so-aufregenden Frühjugend hatte ich Festivals bisher ausgeklammert. In schweißigen betrunkenen Menschenmassen verloren gehen, in der prallen Sonne die Bands nicht sehen und nachts nicht schlafen zu können als der Horrortraum schelchthin.

Einen Campingkocher borgen. Und Geschirr!

Aber man wird ja erwachsen. Und man erinnert sich an die Erfindung der Ohropax und dass es auch klein und schnuckelig geht. Eben ein Kuschelfestival für AnfängerInnen. Bei dem man mal schauen kann, wie man sich so macht als cooles Festivalkid und so tun, als ob man dazugehört.

Kekse, Wäscheklammern, Kuschelkissen.

Bis Freitag wird man mich in Gedanken versunken auf der Straße Leuteanrempeln sehen, in der Kaufhalle allerlei ungesundes Dosenfutter kaufend, Wasserflaschen in der Hand wiegend und bei H&M Sonnenhüte ausprobierend.

Pflaster, Spaghetti und Pesto.

Den Nachbarn vom Haus gegenüber biete ich ab 24 Stunden vorher einen besonders schönen Anblick: Ein Mädchen mit uraltem Campingrucksack, der so gar nicht zu ihr passt vorm Spiegel stehend. Inmitten ein- und wieder ausgepackter Sachen.
Mit nervösen Haarsträhnen hinter den Ohren und zwischen ihnen etwas versteckt ein breites Grinsen.
Wie vor jedem ersten Mal.

das schöne an einem blog

Sonntag, 24. Mai , 2009 von Anika

wasch_baer

das schöne an einem eigenen blog ist ja, dass man machen kann, was man will. ohne rechtfertigung. und auch einfach mal den sinn los werden. ein foto posten, ohne hintergrundgeschichte, ohne hintergedanken, ohne schräges gedicht, ohne erbauende zeilen, ohne texte über naturschutz und tierparkbedingungen ohne erklärende lachgeschichte oder schlauen kommentar.
einfach, weil es niedlich ist. und weil man in die welt schreien will: so einen will ich auch. genau so einen. und ihn dann den ganzen tag herumtragen und leckerli in die hand geben und über den kopf streichen und nase an nase kuscheln.

Als ob er endlich geweint hätte

Montag, 11. Mai , 2009 von Anika

stuehle_am_meer

Als er an sich hinunter blickte, war er erstaunt, keine Löcher zu finden. Die letzten Wochen fühlte sie sich, als ob sich ihr jeder Punkt seiner Liste langsam in die Haut brannte und dort anfing, sich mit den fauligen Erinnerungsflecken zu vermischen. Jeden Tag wurde es ein hässlicher Fleck mehr und die bestehenden wurden dunkler. Irgendwann fühlte er sich so erdrückt, dass er es kaum noch mehr vor die Haustür schaffte. Im Kopf schwirrten all die Unerledigkeiten umeinanderkreisend herum wie wütende Hornissen und verknäuelten sich immer fester mit der Verlustangst. Er bekam Kopfschmerzen auf der linken Seite. Dumpf und pochend und sie versuchte, den Aufgabenkloß hinunterzuschlucken, doch er blieb ihr im Hals stecken.

Bei ihrem letzten Versuch, den Kopf frei zu kriegen mit einem Spaziergang war sie nicht weiter als bis zur Haustür gekommen und hatte sich auf den Vorsprung gesetzt. Den Kopf an die Hauswand gelehnt bildete er ein überraschendes Hindernis für alle, die rein oder raus wollten. Fast alle stolperten erschreckt.

Nur seine Nachbarin, die ältere Frau mit dem gutmütigen Gang schien einfach zu langsam für einen erschreckten Hüpfer. So sagte sie nur Na na mein Mädchen, und machte eine Handbewegung, als ob sie ihm über den Kopf streicheln wollte. Dann aber stieg sie wankend die Treppe hinab, den linken Arm ausgestreckt, um im Falle an der Hauswand Halt zu finden. Er sah ihr nach, wie sie ihren Einkaufsbeutel an sich gepresst um die Ecke bog. Vor wenigen Wochen noch war ihren schlurfenden Schritten ein kleiner Pudel gefolgt, immer ein bisschen langsamer.

Er seufzte und ließ den Kopf in die Hände sinken und vertiefte sich in die Gerüche der Straße. Auch, als sich der Himmel zuzog, blieb er sitzen und saß einfach da, als es anfing, zu regnen. Es gefiel ihr sogar ein bisschen, nasse Wangen zu bekommen, als ob sie endlich geweint hätte. Aber da waren keine Tränen, nie – versiegt nach ihrem fünften Geburtstag. Nasse Füße, als wäre sie beherzt in eine Pfütze gesprungen. Nasse Hände, wie wenn sie ganz in die Badewanne eintauchte. Der Regen ging ihr an die Nieren, ans Herz und erreichte schließlich seinen Kopf. Wie betäubt beobachtete er die tropfenden Strähnen vor seinen Augen und die Muster auf ihrer Hose.

Als der Regen aufhörte stand das Mädchen, das den ganzen Tag fast reglos auf der Steinstufe gesessen hatte auf und lief los. Schießlich bog sie um die Ecke und das Mädchen am Fenster konnte sie nicht mehr sehen. Sie fragte sich, wohin er gehen und sich wieder setzen würde. Woran sie ihren Kopf wieder lehnen und die Füße aufstellen würde. Leise schloss sie ihr Fenster und steckte ihren Schlüssel ein. Dann hörte ihre Nachbarin, wie die Tür zugezogen würde und jemand die Treppe hinab stieg. Hinaus.

den anfang macht das ende

Donnerstag, 7. Mai , 2009 von Anika

buch_zeichen

wenn die zeit des schmerzvollen andiedeckestarrens vorbei ist, gibt es eine kleine phase beim kranksein, die genießbar ist.
das ist die, in der man den lavendel aus dem elterngarten durchs fenster riechen kann. die, in der man langsam wieder hoffnung schöpft, doch nicht so jung sterben zu müssen. in der man sich langsam mit zwei kissen und einem zusätzlich starken arm aufsetzt im bett, und am teegetränkten zwieback nuckelt. die, in der man langsam anfangen kann, in die bücher zu kriechen, die man mitgenommen hat im delierium.

von seelenheilenden pferdebüchern, die mir früher vorgelesen wurden über sarah kuttners schreibergüsse bis hin zu literarischen kleinoden über das ende vom alphabet habe ich so einiges geschafft, zwischen mittagsschlaf und aufwachen und kartoffelbreiessen und einschlafen. und sie werden alle dort landen. den anfang mach das ende .

und jetzt werde ich mich ganz langsam an mein fenster stellen und gucken, wie sich der baum davor gemacht hat, während ich weg war. ich fürchte, er ist schon wieder ein stück gewachsen und ich habe es verpasst.

die welt ist noch ein bisschen zu gefräßig

Dienstag, 5. Mai , 2009 von Anika

grasblumen

so fühlt sich das also an, wenn man von den toten wieder aufersteht.

Unter Wäsche

Freitag, 24. April , 2009 von Anika

herzhoeschen

Italien, ein buntbehaustes Dorf. Die Farbe blättert von den halbgeschossenen Fensterläden. Ein paar Balkonpflanzen stehen noch in der Pfütze vom letzten Regenschauer und die Sonne blitzt hinter lila Wolken hervor. Hier und da sitzt eine neugierige Katze oder rollt sich fürs Foto in einem Fischerboot zusammen. Es riecht nach Wiese und Meer.

Die Touristen legen den Kopf in den Nacken und zeigen auf rosa Bettwäsche, weiße Unterhemdchen, gepunktete Schlafhosen oder rote Flauschsocken. Der Wind zupft an einem Kopfkissenbezug und eine Jeans tropft auf den Steinboden. „Wenn man hier wohnt, kann man sein Image über diese Wäscheleinen ja total beeinflussen.“ sagt einer, „Einfach immer mal Latexanzüge und -masken zum Trocknen raushängen.“ Die Wolken ziehen weiter und ein Kichern kullert durch die engen Gassen. Und ein paar Minuten wird noch eifriger als sonst Ausschau gehalten nach Geschichten, die Wäscheleinen erzählen.