Ein Sonntag in Wien.

2014-09-28 17.40.13-1

Heute ist es schön. Sonntagswetter. Ich öffne die Fenster weit um die kalte Wohnung von der Herbstsonne wärmen zu lassen. Dann hopse ich wieder zurück ins Bett, schnappe mir die Biografie “My Life in France” von Julia Child. Den Morgen verbummle ich zwischen Bettdecken in Paris, von der Straße dringt Schuhgeklapper von gut gelaunten Menschen herein.

Die Sonne kitzelt mich letzendlich aus dem Bett und ich spaziere eine alte Gasse in Wien hinunter. Der Markt ist geschlossen, die Häuschen sind zu. Hinter den Türen warten Blumen und Plüschschuhe, Kaffee und Wein auf Montag.

Im Café tapst eine Taube vor mir hinein und muss mit Geschirrtuch behutsam wieder nach draußen bugsiert werden, als sie die Fenster mit Freiheit verwechselt. Mein Mitretter und ich bekommen ein Kuchenstück aufs Haus. Ich schreibe mit Bleistift Geschichtenschnipsel auf Papier und trage sie herum.

Der Park ist sonnendurchflutet und die Menschen saugen gierig die Erinnerung an den Sommer auf. Pärchen liegen auf der Wiese und kuscheln. Ein kleines Kind läuft seinem Papa in die Arme und plappert los. Vier Männer spielen Tischtennis. Ein Mann liegt mit dem Rücken auf einer Bank, liest Zeitung, die er in den Himmel hält. Drei Frauen spazieren rauchend am See entlang. Mutter und Tochter sitzen zusammen und machen Handyvideos, an ihnen fährt ein Mädchen mit Skateboard vorbei. Ein Junge liegt im Gras und hört Musik. Ein älteres Paar spaziert langsam bei den Enten vorbei. Ein kleine Kind singt Ich will ein Schnitzel, Schnitzel, Schnitzel.

Der Springbrunnen pustet Wasser in die Luft, es riecht nach Juni. Ich halte die Nase in die Luft und schließe kurz die Augen. Kinderkreischen mischt sich mit  Taubengurren, Gesprächsfetzen streifen mein Ohr, Kirchenglocken läuten im Hintergrund. Um mich herum so viele Geschichten, so viele Menschen, deren Leben sich kurz berühren. Augenblicke, die wir kurz teilen. Ein Blick, ein Lächeln. Ich öffne die Augen und beobachte, wie die roten Blätter eines Baumes im Sonnenlicht baden. Das Kind hat ein Schnitzel bekommen.

Eine Ente quakt.

ausreißen

herz_moeve
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Ihr ganzer Körper sehnte sich. Jede Zelle von der Wirbelsäule zum linken Ohrläppchen, zu den rauen Ellenbogen, ihren Lippen, über die Zeigefingerkuppen, die knubbligen Zehen, zu ihren Eckzähnen und zum weichen Flaum unter ihrem Bauchnabel
sang das fiebrige Lied vom schwarzen Vogel, von Himmel und Gras und Küssen und warmen Händen. Es setzte sich in ihre Knochen, ins Mark.

Und alles, was sie tun konnte war, die leisen Tränen aufzufangen, und zu versuchen,
ihr ausreißendes Herz festzuhalten.